Wer ich bin

Wer ich bin

2012-05_Murchison_Uganda_1024x768Bei einer Party erzählte ich einem Typen, dass ich eines Tages gern wieder und dauerhaft reisen wollte. Er hörte angeregt zu, nickte und sagte: „Das klingt, als hättest du das gut durchdacht. Aber wenn du das wirklich willst, warum tust du es nicht einfach?“

Ich heiße Carola, wurde an einem Sonntag im April in Berlin geboren, habe zwei Schwestern, zwei Nichten und sieben Tattoos. Von Beruf bin ich Projektmanagerin. Doch ich lebe für das Reisen.

Ich bin immer der auf langfristige Sicherheit bedachte Typ gewesen. Ich wollte so „normal“ sein wie alle anderen: den einen finden, eine Karriere mit sicherem Job und verlässlichem Einkommen, ein hübsches Zuhause und ein sorgenfreies Dasein im Alter.

Ich habe mein BWL studiert, weil ich einen Uni-Abschluss brauchte. Ich wollte nicht auf ewig in einem Job als Croupier im Casino feststecken und tagein, tagaus das Elend der Spieler erleben.

Kurz vor meinem 21ten Geburtstag habe ich nicht nur meine erste private Rentenversicherung, sondern auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, Haftpflicht und Rechtsschutz sowieso.

Auf den Urlaub verzichtete ich jahrelang lieber, wenn ich glaubte, mir kein gutes Hotel und Essen im Restaurant leisten zu können.

Nach erfolgreich absolvierter Diplomprüfung (Schwerpunkte Marketing, Personalführung und Organisation) und einem weiteren Fernstudium als Fremdsprachenkorrespondentin, mit dem ich mir meine Englisch-Kenntnisse beweisen wollte, bin ich ein erstes kleines Risiko eingegangen. Ich kündigte meinen unbefristeten Vertrag im Casino. Natürlich erst nachdem mir eine Zeitarbeitsfirma eine Stelle angeboten hatte.

Mein zweiter Einsatz als Büroaushilfe bescherte mir zum Glück wieder ein festes Stellenangebot. Ich wusste es damals noch nicht, aber das war der Anfang vom Ende meines Strebens nach einem „normalen“, abgesicherten Leben.

Bei der Kampagnenorganisation ONE sah im Gegenteil zunächst alles so aus, als hätte ich meinen Traumjob gefunden. Ich konnte jeden Tag etwas Neues lernen – Buchhaltung, Praktikanten betreuen, eine Website bauen, Pressematerialien schreiben,…-, gelegentlich reiste ich mit Rockstars an exotische Orte und ich entdeckte im Projektmanagement meine Berufung. Das Beste war, dass ich all meine Fähigkeiten zur Verbesserung der Welt einsetzen konnte und dafür auch noch besser als jemals zuvor in meinem Leben entlohnt wurde.

Alles gut. Aber manchmal ist gut nicht gut genug. Das Ende dieses Liedes von Stutenbissigkeit, zu viel Wut und gekränkter Eitelkeit war, dass ich mir einen neuen Job suchte. Mein Chef sagte mir damals zum Abschied, ich sollte mir überlegen, einfach mal eine lange Reise zu machen. Doch ich wollte davon nichts wissen. Ich dachte, dass ich vor allem eines brauchte: mehr Sicherheit.

Den Job bei einer Politikberatungsagentur hatte ich schnell. Und fast noch schneller über.

Inzwischen hatte ich noch zwei weitere private Rentenversicherungen, einen Fondsvertrag für vermögenswirksame Leistungen und einen Bausparvertrag über sieben Jahre voll einbezahlt. Außerdem hatte ich 15.000 Euro an Ersparnissen.

Also tat ich, was jeder vernünftige Mensch tun würde: Ich kündigte meinen Job, ließ mir einen Teil meiner Verträge auszahlen und kaufte einen 55+ Liter-Trekkingrucksack.

Mit dem machte ich mich für ein halbes Jahr auf den Weg nach Afrika.

Von Afrika hatte ich bei ONE immer wieder gehört. Vor Afrika hatte ich große Angst. Nach Afrika wollte ich nun endlich mein „normales“ Leben mit Karriere, Familie und hübschem Heim systematisch realisieren.

Doch in Afrika lernte ich, meine Angst vor der unbestimmten Zukunft abzulegen und dem Moment zu vertrauen. Ich badete in Flüssen, sprang aus Flugzeugen und von Brücken, aß, was man mir am Straßenrand anbot, setzte mich in altersschwache Busse mit übermütigen oder übermüdeten Fahrern und stieg an unbekannten Orten aus, ohne zu wissen, wo ich die Nacht verbringen sollte.

Nach zehn Monaten hatte ich den Kontinent ausschließlich über Land von Norden nach Süden und wieder zurück in den Norden durchquert. Afrika 360°. Das Geld war bis auf den letzten Cent (und darüber hinaus) ausgegeben. Es war Zeit, nach Berlin zurückzukehren.

Ich fand einen Job beim Sozialunternehmen Boxgirls, bezahlte meine Schulden, fing wieder an zu sparen.

Doch schon nach wenigen Monaten war klar, dass ich in all den Jahren die falschen Fragen gestellt hatte. Ich will nämlich gar nicht “normal” sein, wenn das bedeutet wie alle anderen zu sein. Eine Wohnung, ein fester Job, ein Nest – sie alle bedeuten mir nichts. Ich will glücklich sein. Und dazu brauche ich mich nicht an dem orientieren, was andere wollen, sondern nur an meinem eigenen Bauchgefühl. Und das sagt: „Geh und erkunde die Welt!“

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