Walking Home, Woche 1: Freud und Leid liegen nah beieinander

Tag 1, Berlin nach Bergholz-Rehbrücke
Ich freue mich, dass zum Abschied so viele Menschen gekommen sind. Es ist der Sonntag der Zeitumstellung: Um 2 Uhr morgens wurde die Uhr eine Stunde vorgestellt. Trotzdem kommen meine Schwestern mit den Nichten und eine Freundin zum Frühstücken ins Honolulu. An der Oberbaumbrücke sagt ein lang nicht mehr gesehener Großcousin ¨Adieu¨. Als sich meine Schwestern am Südstern verabschieden, kommt eine andere Freundin. Wir gehen zusammen bis fast zum Botanischen Garten. Sie nimmt meinen Rucksack auf ihr Fahrrad. Ein Freund von ihr, den ich noch nie vorher getroffen habe, schließt sich uns an und lädt zu einem Lassi beim Inder um die Ecke ein. Zwischendurch gehen noch andere Freunde mit dem kleinen Sohn ein paar Schritte mit mir die Hauptstraße entlang. Sie sind extra aus Prenzlauer Berg herübergekommen und hinterlassen mir einen Umschlag ¨Kannst du heute abend lesen.¨
Dann bin ich erstmals allein. Um 18 Uhr wollte ich Bergholz-Rehbrücke sein. Um 15 Uhr erkenne ich, dass ich das nicht schaffen kann. Damit es aber nicht 20 Uhr wird, gehe ich schneller als ich eigentlich geplant hatte. 33 km am ersten Tag. Ich wußte, dass das eine gewagt lange Etappe ist. Doch ich wollte aus der Stadt heraus. Glücklicherweise habe ich Theresa und Joris auf couchsurfing.org gefunden. Glücklicherweise haben sie eingewilligt, mich aufzunehmen, und sind auch nicht sauer, als ich anrufe, um die Verspätung mitzuteilen. ¨Mach dir keinen Stress.¨
Draußen in Zehlendorf findet mich eine letzte Freundin. Wir sitzen auf einem Spielplatz und essen Blueberry Cheesecake.
Der Königsweg führt mich heraus aus der Stadt. Immer geradeaus. Manchmal an Siedlungen vorbei. Aber meistens durch den Wald. Schilder warnen davor, Hunde frei laufen zu lassen. Wegen der Wildschweine.
Als Kind bin ich einmal frühmorgens mit dem Rad durch einen Wald gefahren. Links im Gebüsch ein Rascheln. Ich entdecke im Unterholz Wildschweinbabys und freue mich. Dann ein weiteres Rascheln. Die Bache hat mich entdeckt und täuscht einen Angriff vor. Seitdem sind mir Wälder unheimlich.
Nach halb sechs bin ich am Ende des Königswegs angelangt. Ich verschnaufe, schicke eine SMS an Theresa: ¨Noch anderthalb Stunden¨. Dann passiert es: Gerade als ich vom Waldboden auf die asphaltierte Straße trete, löst sich meine niegelnagelneue Kamera aus ihrer Verankerung und knallt auf den Asphalt. Wie gut, dass ich auf dem Display eine Schutzfolie angebracht habe. Diese hält nun den kleinen Bildschirm zusammen.
Es ist fast halb acht, als ich bei Theresa und Joris ankomme. Ich bin verschwitzt und kaputt. Doch die heiße Dusche, das großzügige Abendessen, die riesige Couch und die wunderbaren Gespräche an diesem ersten Abend halten alles, was ich mir versprochen hatte und mehr.
Vor dem Schlafengehen öffne ich noch den Umschlag. Es ist ein Foto vom Fernsehturm mit einem Gebet zur guten Reise. Ich gehöre keiner Konfession an, aber diese Führsorge bewegt mich.

2014-03-30 10:30 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 2, nach Beelitz Elsholz
Theresa und Joris lassen mich lang schlafen. Ich soll mich beim Frühstück bedienen und den Schlüssel in den Briefkasten werfen. Ich tue wie geheißen und mache mich um kurz nach zehn wieder auf den Weg.
Google Maps überrascht mich mit Wegen, die ich selbst nicht als solche erkannt hätte. Sie führen mich an Feldern, Windmühlen und Schienen vorbei. Heute benutze ich beide Walking Stöcke. Schnell habe ich den Rhythmus gefunden.
Irgendwann geht es dann doch nur an der Hauptstraße weiter. Doch dankenswerter Weise verläuft in Brandenburg parallel zur Straße ein Rad-/Fußgängerweg.
Zum Mittag lasse ich mich am Seddiner See nieder. Irgendwo auf einem umgefallenen Baum. Ich kann es nicht über mich bringen, den Waldweg tiefer hinein zu gehen, um vielleicht einen Picknickplatz zu finden.
Nach vier erreiche ich Elsholz, einen Teil der Spargelstadt Beelitz. Ich hatte mir überlegt, dass es passend wäre, hier auf einem Spargelhof zu übernachten.
Kurz hinter dem Bahnhof finde ich den Spargelhof der Familie Hentschel. Tatsächlich willigt der Besitzer ein, mich in den Unterkünften der Erntehelfer zu übernachten. Die heiße Dusche ist sehr willkommen. Das kleine Abendessen um fünf auch.

2014-03-31 10:19 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 3, nach Marzahna
Das Aufstehen fällt schwer. Es war eine sehr kalte Nacht. Doch ich bin für halb zehn zum Frühstück eingeladen. Also bleibe ich lange liegen, dusche noch einmal heiß und packe.
Am Frühstückstisch sitzen zehn Leute, die alle auf dem Hof arbeiten. Es gibt Brötchen, Käse, selbstgemachte Marmelade und Honig. Und Bockwurst. Ich greife bei allem zu.
Ich stelle alle Fragen, die mir zum Spargelanbau einfallen. Herr Hentschel bietet mir halb im Spaß einen Job für die Saison an. Ich sage für dieses Jahr ab, überlege es aber für nächstes Jahr.
Bevor ich gehe, geben mir zwei der Schälerinnen noch eine Tour durch die Verarbeitungsräume. Der Spargelanbau hat ersten in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die beiden Frauen waren zuvor im Wurstverarbeitungsbetrieb auf dem gleichen Geläde, in den gleichen Gebäuden angestellt gewesen. Nun arbeiten sie die Saison über hier als Schälerinnen und in der Vorweihnacht in der Putenmast ein paar Dörfer weiter.
Es ist fast elf, als ich losgehe. Nun immer an der B2 entlang. Kurz hinter Elsholz wird gebaut. So bin ich sechs Kilometer allein im Wald, begegene nur ein paar Straßenarbeitern.
Am Ortseingang von Treuenbrietzen kaufe ich ein Stück Kuchen zum Mittag. Hätte ich doch gewußt, was für eine Perle von Altstadt sich dort versteckt, wäre ich ein paar Schritte dorthin weitergegangen. Doch es fiel mr nach dem Essen so schwer, wieder auf die Füße zu kommen, dass ich mich traue, gleich wieder zu stoppen.
In Schmörgelsdorf kann ich nicht mehr und suche nach einer Schlafstätte. Die Frau lehnt ab. ¨Wegen dem Hund.¨ Als ins nächste Dorf. Dort treffe ich im ehemaligen Pfarrhaus auf die Wilhelms, die nicht viel haben und mich trotzdem liebevoll umsorgen.

2014-04-01 10:57 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 4, nach Lutherstadt-Wittenberg
Die Wilhelms geben mir neben guten Wünschen auch ein Lunchpaket mit.
Meine Füße schreien. ¨Nein!¨ Doch ich muss weiter. Schnell entscheide ich, dass ich in Wittenberg nichts dem Zufall überlasse und gleich nach einem Hostel suche. Hoffentlich ist es nicht zu teuer.
Ich spüre die Blasen an den Außenseiten meiner Fersen förmlich wachsen. Die paar Kilometer in die Stadt hinein dauern scheinbar endlos lange. Seit ich in Sachsen-Anhalt bin, gibt es auch den Fußweg nicht mehr. In einem Vorort entdecke ich ein Buswartehäuschen mit vier Wänden und überlege kurz, ob ich es nicht einfach dabei belassen soll.
Doch ich schleppe mich weiter und werde belohnt. Die hübsche neue, offizielle Jugendherberge weist mir den Weg zur billigeren Alternative ein paar Straßen weiter. Dort habe ich das Haus für mich allein. Die Herberge im Gloecknerstift ist nicht hübsch oder neu. Es gibt kein freies Internet. Aber ein Bett kostet 15 Euro die Nacht. Das Haus hat eine Küche und ist sauber.
Im ReWe kaufe ich Ramen-Nudeln und Bananen zum Abendbrot und Frühstück für den nächsten Tag. Im Rossmann statte ich mich mit großen Blasenpflastern aus.

2014-04-02 10:10 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 5, in Lutherstadt-Wittenberg
Ich lasse den Tag langsam angehen. Die Dusche ist nicht richtig heiß. Also einen Kaffee und Ramen-Nudeln. Während des Frühstücks sortiere ich noch Fotos, lade sie zu Flickr hoch und stelle einen Blogbeitrag ein. Dann wasche ich ein paar Klamotten. Im großen Garten hinter dem Haus scheint die Sonne. Bis zum Abend werden die Sachen trocken sein.
Am frühen Nachmittag mache ich mich auf, Lutherstadt- Wittenberg zu erkunden. Zum Glück befinden sich die interessantesten Sachen – die Kirchen, die Altstadt, das Lutherhaus – alle auf einem 600 mal 1200 Meter großen Areal. Nicht zu viel zu laufen also.
Es sind noch etwa zweieinhalb Jahre bis zum Beginn des Lutherjahres. Zwischen den Reformationstagen 2016 und 2017 wird das 500jährige Jubiläum des Thesenanschlags an die Schlosskirche durch Martin Luther gefeiert. Daher sehe ich leider nur wenig von den dazu gehörigen Bauwerken: Schlosskirche, Marktkirche und Lutherhaus sind zu weiten Teilen hinter Baugerüsten versteckt.
Ich laufe dennoch ein wenig hin und her. In den Cranachhöfen gönne ich mir fernab vom Trubel einen Cappuccino und ein Stück Aprikosenkuchen. Die Kellnerin scheint überrascht, als ich ihr zur Rechnung für die beiden billgsten Alternativen auf der Karte, 3,80 Euro, 40 Cent Trinkgeld gebe.
Zum Abendessen hole ich mir für 89 Cent Tiefkühlbaguettes beim ReWe. Am nächsten Morgen möchte ich um 9 Uhr aufbrechen.

2014-04-03 14:05 Fleischerstraße 17 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 6, nach Ferropolis, nein Jüdenberg
Aus dem frühen Aufbruch wird zunächst nichts.
Das Arbeitsamt hat sich gemeldet, weil meine Ummeldung von Berlin nach Oranienburg wohl nicht ordnungsgemäß gelaufen wäre. Die Sachbearbeiterin wirft mir ¨grobe Fahrlässigkeit¨ vor. Also rufe ich gleich morgens das Amt in Oranienburg an. Dort beruhigt man mich: Eine Stellungsnahme müsste ich zwar schon schreiben, weil die Sachbearbeiterin das nun einmal angeordnet hätte. Aber ansonsten sieht man keine Probleme, zumal ich ja auch ab April keine Leistungen mehr anfordere.
Ich bin beruhigt.
Nun kann ich mich wieder auf die vorliegende Aufgabe konzentrieren: Die fetten Blasen an meinen Füßen abkleben und mich dazu bewegen, weiter zu ziehen.
Schon seit dem Aufstehen geht mir nur dieser Gedanke durch den Kopf: ¨Gib auf! Du bist dafür nicht gemacht. Du schaffst das nicht. Wem willst du denn etwas beweisen?¨
Zum Glück bin ich darauf vorbereitet.
Schon in den Wochen vor Reisebeginn war mir klar: Die erste Woche wird die härteste. Wenn ich drei Wochen durchhalte, dann wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die ganzen 4000 km.
Doch da bin ich noch lange nicht. Es sind gerade einmal sechs Tage und ich will nicht mehr.
Irgendwie schaffe ich es dann, mich zum Losgehen zu motivieren. Ich habe irgendwo eine Karte mit Wanderwegen entdeckt. Statt die Bundesstraße – wie von Google Maps empfohlen – geht es nun den Lutherweg und die Radwege ¨R1¨ und ¨Kohle Dampf Licht¨ entlang. Das heißt, ich sehe wieder viel Wald. Die Kiefernwälder, die ich schon aus Brandenburg kenne, sind hier aber wenigstens von Buchenhainen und Birken durchzogen.
In Bergwitz mache ich an einer Grube Rast, die mit Wasser gefüllt zu einem großen See und Naherholungsgebiet geworden ist. Zum Mittag gibt es eine Banane und das Studentenfutter im ¨Gute Laune-Mix¨ mit Mangos, Ananas und schokolierten Haselnüssen.
Doch leider habe ich hiermit nur die Hälft meines Tagenspensums geschafft. Die Nacht möchte ich in der Nähe von Gräfenhainichen verbringen, in ¨Ferropolis¨, wo man die ausgedienten gigantische Grubenfahrzeuge bestaunen kann. Hier werden auch Musikfestivals wie das ¨Melt¨ veranstaltet. Deshalb, denke ich mir, muss es hier doch auch eine alternative Szene geben, Aussteiger, die das ganze Jahr hier siedeln und Platz für eine wie mich haben.
Auf dem Weg nach Radis geht es wieder eine ganze lange Weile durch den Wald. Das heißt, rechts ist der Wald. Links rauschen immer wieder Züge vorbei. Ich möchte gar nicht daran denken, dass die die Strecke, für die ich drei Tage plane, in wenig mehr als einer Stunde bewältigen.
Drei Kilometer vor dem Ort begegnen mir Arbeiter der Bahn. Belustigt zeigen die beiden auf meine Stöcke: ¨Da fehln wohl die Skier, wa?¨
Ich lasse mich auf das Gespräch ein. Wir tauschen uns über meinen Weg und ihre Aufgabe hier an der Bahnstrecke aus. Bäume fällen, die sonst auf die Gleise fallen könnten. Dann sagt einer von ihnen: ¨Wenn wir noch zehn Minuten weiterquatschen, kann ich dich nach Radis mitnehmen.¨
Ich zögere nur kurz und willige ein.
Am Bahnhof lässt er mich raus. Ich stelle fest, dass mein Weg nicht ins Dorf, sondern daran vorbei immer weiter die Gleise entlang führt und trotte weiter meinem Ziel für die Nacht entgegen. Schritt für Schritt.
Kurz vor Ferropolis werde ich auf den Boden der Tatsachen geholt: das Ganze ist eher ein Freizeitpark, der abends abgeschlossen wird. Also heißt es noch eine weitere Stunde weiterschlürfen. Zum Glück nimmt mich nach ein wenig Hin und Her die erste Familie auf, an dessen Tür ich klingele.
Eigentlich kann ich mich doch nicht beklagen: Bislang war das Wetter immer wunderbar (trocken, aber nicht zu sonnig) und ich hatte jeden Abend Glück, dass ein Bett recht schnell gefunden war. Und dennoch fühlt es sich noch nicht richtig an. Sind es die Füße?

2014-04-04 09:56 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 7, nach Bitterfeld-Wolfen und weiter nach Halle
In den vergangenen Tagen war dass Aufstehen nach dem Mittag das Schlimmste gewesen. Morgens die ersten zwei Stunden liefen sich dagegen eher immer leicht. Heute kann ich schon vor dem ersten Schritt nicht mehr. Doch es muss sein. Ich will die Gastfreundschaft der Hünsches nicht überstrapazieren. Und was sollte das auch? Hier bleiben geht ja nicht. Und zurück…
Meinen Wanderweg will ich in Zschornewitz wieder finden, um mir die zwei zusätzlichen Kilometer zu sparen. Erst finde ich ihn auch, aber dann verlieren sich die Schilder wieder. An der Hauptstraße, gegenüber von einer Bushaltestelle spüre ich, wie mein linker Fuß naß wird. Die Blase ist geplatzt. Soll ich mich freuen, weil der Druck weg ist? Oder Schlimmeres befürchten? Ich setze mich für zehn Minuten auf einer Friedhofsmauer nieder und kämpfe mit mir, zu schauen, wohin wohl der Bus fährt. Schlussendlich gehe ich weiter. Die geplatzte Blase macht auch kaum Probleme. Zum Abend wird sich die am rechten Fuß dazu gesellen.
Ich vertraue nicht dem Weg, den Google Maps mir vorschlägt, sondern suche mir die kürzeste Strecke durchs Gelände Richtung Bergkemnitz, wo ich zum Mittag Rast machen möchte. Dabei geht es einen Berg hinauf, auf dessen Kuppe Windräder stehen. Der einzige Berg hier. Doch auf der anderen Seite sehe ich schon Bergkemnitz. Das treibt mich wieder an. Irgendwo am Bahnhof sollte auch mein Wanderweg weitergehen.
Um zwei bin ich am Bahnhof von Bergkemnitz. Nur leider auf der falschen Seite der Schienen. Wieder eine innere Debatte. Soll ich die Schienen überqueren und von der Seite den Bahnsteig erklimmen? Oder noch einen Kilometer weiter zum Übergang?
Kurzerhand klettere ich über die Gleise und sacke vor dem Bahnhof nieder.
Da ist schon wieder eine Bushaltestelle. Und da hängt der Zugfahrplan. Es sind noch dreizehn Kilometer bis Bitterfeld-Wolfen, meinem geplanten Ziel für die Nacht. Ein ICE schießt vorbei. Ich esse das Ei und den Apfel, den mir meine Gastgeberin von letzter Nacht mitgegeben hat. Bevor ich mich über die Stullen hermache, humpele ich hinüber zum Busfahrplan. Keine Busse am Samstag. Hinüber zum Fahrscheinautomat der Bahn. 4,50 Euro bis Halle. In weniger als einer Stunde über Bitterfeld.
Was hatte ich gesagt? Der Weg ist das Ziel. Ich kaufe eine Fahrkarte und humpele auf den Bahnsteig, um dort meine Stullen zu verspeisen.

2014-04-05 11:00 auf einer größeren Karte anzeigen