Walking Home, Woche 7: C’mon, live a little!

Tag fünfzig naht. In dieser Woche habe ich zwei Beobachtungen gemacht:
1) Ich bin entspannter mit dem Geld gewesen. Ich komme bislang gut mit dem Budget hin (im Schnitt 10 Euro pro Tag). Und manchmal muss man sich halt etwas gönnen.
2) Ich bin zum ersten Mal irritiert von meinen Gastgebern. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich doch abstumpfe und irgendwie alles schon gehört habe, oder ob ich in den vergangenen Wochen einfach sehr viel Glück hatte, in dieser Woche hingegen Pech…

Tag 43 – 11.5., nach Wilmenrod
Der Sonntagmorgen startet schon früh. Da bei meinen Gastgebern Wohnzimmer, Esszimmer und Küche eins sind, bleibe ich von den Vorbereitungen für die Kommunion nicht lange verschont. Um neun müssen wir an der Kirche sein. Ich bitte darum, mitgenommen zu werden, um von dort meine Wanderung fortzusetzen. Ich darf in Ruhe mein Frühstück genießen, während um mich herum die ganze Familie sich in Festkleidung wirft, Kira an ihrer Frisur verzweifelt und Heidi sich um das Essen für die Party danach sorgt.
Doch Rick lenkt die große Familienkutsche schließlich pünktlich vom Hof.
Fünf Minuten später kehren wir zurück: die Pommes!
Auf die Minute genau um neun springt Kira aus dem Auto zur Kirche. Wir anderen fahren noch ein paar Meter weiter zum Bäcker: die Baguettes!
Um kurz nach neun ist es Zeit, mich zu verabschieden. Eine feste Umarmung von Heidi und los geht es.
Ich folge den Schildern zur Krombachtalsperre, stelle aber bald fest, dass sie mich zur falschen Seite geführt haben. Nun muss ich durch den Wald, um nach Westernohe und schließlich Herschbach zu gelangen.
Zunächst geht auch alles gut. Die Wege sind sehr gut und von den Regenfällen der letzten Tage kaum beeinflusst. Ich überquere mitten im Westerwald eine unsichtbare Grenze nach Rheinland-Pfalz. Unglaublich, wie lange ich in Hessen gewesen bin! So groß erschien mir das Bundesland auf der Karte gar nicht.
Nach etwa einer halben Stunde stelle ich beim Blick auf das Handy fest, dass das GPS schon seit geraumer Zeit nicht meine Position feststellen konnte. Entlang der bekannten dicken, grauen Linie auf der Karte im Display will sich einfach nicht der blaue Pfeil zeigen. Ich schließe anhand einer Gruppe von kleinen Seen, die neben dem Weg liegen, dass ich nach rechts auf einen schon beinahe überwucherten Pfad abbiegen soll. Offensichtlich habe ich aus den Erlebnissen in Hessen nichts gelernt. Denn ich tue wie geheißen. Der Pfad verschwindet mehr und mehr in Gestrüpp bis ich schließlich nicht mehr weiß, wo lang.
Was tun?
Ich bleibe einen Moment stehen, atme tief durch. Zurück wäre eine Option, wenn ich sicher wäre, wo der Pfad liegt. Doch müsste ich immer noch einen neuen Weg durch den Wald finden. Der ist wahrscheinlich viel länger als der in meinem Display.
Mehr laufen ist immer schlecht. Dann lieber vorwärts. Zum Glück baumelt an meinem Rucksack ein kleiner Kompass. Der wurde mit ausgeliefert und ich habe ihn, einer Vorahnung folgend, am linken Schulterriemen belassen.
Manchmal ist analog einfach besser.
Koblenz liegt laut Karte etwa 70 km entfernt in süd-süd-westlicher Richtung. Der Wahrscheinlichkeit folgend müsste ich irgendwann einen Weg kreuzen, wenn ich diese Richtung einschlage.
Zum Glück ist der Wald zunächst recht licht. Es gilt lediglich, die Wasserlöcher zu vermeiden und nicht über abgebrochene Äste zu stolpern. Mehrfach glaube ich, durch das dichtere Unterholz eine Lichtung oder einen Weg erkennen zu können. Bis das jedoch der Fall ist, dauert es eine weitere halbe Stunde. Für mich fühlt diese sich jedoch wie eine Ewigkeit an.
An der Forststraße angekommen, beschließe ich, weiter auf den Kompass zu vertrauen: nach Westen, nach Süden, … Wirklich stehe ich irgendwann wie von Google Maps voraus gesagt, vor einem Lager der Pfadfinder Sankt Georg und fühle mich selbst wie eine Pfadfinderin. Ein bisschen stolz.
Es ist inzwischen Mittag und so beginnt einmal mehr der Regen. In Westenohe sitze ich eine Weile unter einem Dach, ein weiteres Mal in Seck. Durch Gemünden bin ich schon durch, als der Regen einsetzt. Vielleicht gewöhne ich mich irgendwann daran, nass bis auf die Haut zu marschieren.
Auf dem Weg nach Wengenroth verpasse ich meine Abzweigung und lande stattdessen in Westerburg. Ohne GPS zu laufen ist doof.
Um mich abzulenken, setze ich mich auf einen Stein vor einem Einkaufszentrum und studiere Google Maps. Wo kann ich für die Nacht stoppen? Eine Töpferei in Herschbach scheint ein sinnvolles Ziel. Nach Janne, Nelly und Gesa wäre das die dritte. Noch dazu sieht der Weg – ab Wilmenrod einfach die L300 entlang – denkbar einfach aus.
Am Ortsausgang von Wilmenrod kann ich die L300 schon sehen. Nun ist es nur noch eine knappe Stunde zu laufen. Über der Straße sehe ich jedoch auch fette schwarze Wolken. Ein weiterer Wolkenbruch ist im Anmarsch. Ich blicke mich um und entdecke ein Schild, auf dem ¨Gauklermühle¨ steht. Nun fallen mir auch die handgemalten Schilder an der Straße auf, die Autofahrer zur Geschwindigkeitsreduzierung aufrufen.
Neben dem Parkplatz am Eingang zum Mühlengelände steht ein Schuppen, dessen Dach mit Gräsern bepflanzt ist. Ist das ein alternatives Projekt? Egal. Zumindest gibt es hier einige Türen, an denen ich klingeln kann, um mich vor dem nahenden Regen in Sicherheit zu bringen. Herschbach wird warten müssen.
Ich finde einen Vater mit seinem Sohn bei einer kleinen Wiese. Der Mann mit dem langen grau-blonden Zopf und Vollbart mäht Heu. Er will mich nicht unterbringen, schickt mich aber zu den Häusern. Gleich an der ersten Tür öffnet Roland. ¨Wir betreiben hier aber gar kein Hotel oder eine Herberge.¨
Ich weiß. Er wird mich doch nicht wirklich wegschicken wollen?
Nach einer kurzen Verhandlung bietet er mir einen alten Bauwagen ein paar Meter vom Haus entfernt an. Über die Toilettennutzung können wir uns zunächst nicht einigen.
Roland muss mir hinein helfen, weil der Wagen an einem Hang steht. Ich bin nicht wählerisch, doch mir gefällt, was ich sehe. Innen stehen ein Ofen, ein selbstgezimmertes, großes Bett, Kerzen und Setzkästen mit allerlei Krimskrams. Große Fenster bieten einen Rundumblick, der nur auf der Straßenseite von Bäumen eingeschränkt wird. Das Gefährt dient offentsichtlich im Sommer als Rückzugsort für Eltern und Kinder gleichermaßen.
Als mein Gastgeber mit einer Matratze und seiner Tochter vom Haus zurückkehrt, setzt der Regen mit monsunartiger Stärke ein. Vater und Tochter laden mich zu Kaffee und Kuchen ins Haus. Es ist Muttertag. Die Mutter der Familie hat, obgleich auf dem Weg zu einer Fortbildung, zur Feier des Tages Torte zurückgelassen.
Rolands 13- und 15-jährige Töchter lehren mich in den kommenden Stunden eine Menge über die Berühmtheit, die YouTuber erringen können. Ich fühle mich alt und gleichzeitig an die eigenen Schwärmereien für Sänger und Schauspieler in meiner Teenie-Zeit erinnert, deren Wirken ich heute, gelinde gesagt, nicht mehr als künstlerisch wertvoll erachten würde.
Roland erträgt die Schwärmerei, vor allem der jüngeren Tochter, mit stoischer Ruhe, zeigt mehr noch ehrliches Interesse an ihrer Welt. Er erzählt mir von seinem Beruf, der Leidenschaft für Musik, seinen Reisen und der Geschichte der Gauklermühle.
Das Ensemble war Geburtshaus des ersten deutschen Fernsehkochs. Mein Gastgeber und ein paar Freunde erwarben das Grundstück in den Achzigern, sanierten es von Grund auf, unterhielten ein Restaurant, eine Herberge und Tagungszentrum der links-alternativen Szene. Doch ihre Prioritäten änderten sich. Heute sind alle Gebäude zu Wohnungen ausgebaut, von denen einige vermietet und andere ins Eigentum der Bewohner übergegangen sind.
Gegen halb neun ziehe ich mich zurück. Nur langsam verschwindet das Tageslicht. In der Hoffnung, dass es über Nacht noch einmal regnen möge, hänge ich meine Socken an einen unbelaubten Baum. Seit die Schuhe immer wieder naß werden, müffeln meine Socken abends nach Schweiß.
Deshalb, liebe Kinder, sollte man in festen Schuhen immer Socken tragen.


2014-05-11 08:36 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 44 – 12.5., nach Koblenz-Ehrenbreitstein
Roland bringt nach sieben die Kinder zur Schule. Um kurz vor acht lässt er mich ins Haus. Ich dusche, erhalte sogar ein Frühstück. Wir unterhalten uns entspannt.
Heute überlege ich, es vielleicht bis Koblenz zu schaffen. 38 Kilometer sind zwar sehr viel. Doch das habe ich schon einmal geschafft. Eine Unterkunft habe ich noch nicht. Der Freund einer Freundin ist nicht in der Stadt. Couchsurfing hat sich nicht ergeben. Ich weiß lediglich, dass es eine Jugendherberge gibt.
In Guckheim ist es einmal mehr Zeit, die Regenhaube auf den Rucksack zu ziehen. Das tue ich in einem Buswartehäuschen. Dort sitzt bereits eine ältere Dame. Wir tauschen uns kurz über das Wetter aus, ich erzähle von meiner Reise. ¨Bleiben Sie doch in Montabaur. Bis Koblenz sind das dann ja noch einmal zwanzig Kilometer. Machen Sie sich doch nicht kaputt,¨ ruft sie mir entgegen. ¨In Montabaur gibt es auch eine Herberge. Da können Sie bleiben.¨
Ich gehe weiter und komme ins grübeln. Eine echte Pilgerherberge? Das wäre doch was.
Ein paar Kilometer vor der Stadt ziehe ich einen großen Ast von der Bundesstraße, der die rechte Spur versperrt. Ein alter Mann mit einem kleinen Hund beobachtet mich beim Näherkommen. ¨Wo der Ast wohl hergekommen ist? Ist ja kein so großer Baum weit und breit.¨
Wir überlegen kurz, können uns aber auf kein Szenario einigen. Ich erzähle, wohin ich unterwegs bin. Er gibt mir einen Tipp, wie ich von der Bundesstraße weg nach Montabaur hinein komme. Er war früher Getränkelieferant und denkt laut darüber nach, wo jemand wie ich wohl übernachten könnte. Er geht verschiedene Häuser durch und verwirft sie wegen des schlechten Essens oder der hohen Preise. Ich erwähne die Herberge. ¨Ja, die Jugendherberge. Da gehen Sie aber am besten in die andere Richtung.¨
Jugendherberge. Liegt nicht auf meinem Weg. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Einrichtungen des DJHV tendiere ich langsam wieder zur ursprünglichen Idee vom Morgen, bis Koblenz durchzulaufen.
In der Tourist-Information hole ich mir trotzdem noch einmal die Bestätigung zur Lage des Hauses. Noch immer unsicher, wie ich weiter verfahren soll, sehe ich mir die wichtigsten Attraktionen der Stadt an, klettere zum Schloss hinauf.
Es dauert nicht lange, da setzt der Regen wieder ein. Zunächst leicht, jedoch lassen die grauen Wolken am Horizont nichts Gutes erahnen. Es ist Zeit für eine Entscheidung.
In einem Bäckereishop an der Hauptstraße erörtere ich mit mir bei Kakao und Erdbeerkuchen die Optionen: hier bleiben, weiter gehen oder den Bus nach Koblenz besteigen. Inzwischen ist es drei Uhr Nachmittags.
Um halb vier steige ich in den Bus und reiche dem Fahrer 6,80 Euro für das Ticket zum Rhein.
Von der Bushaltestelle in Ehrenbreitstein führen mich die Hinweisschilder für die Jugendherberge in einen kleinen Bau aus Glas. Von der Herberge ist hier aber nichts zu sehen. Ich erkundige mich bei der einzigen anderen Person im Raum. Der Mann zeigt auf eine Aufzugtür. Ich muss also den Aufzug den Berg hinauf nehmen. Ein anderer Mann tritt in das Gebäude und hilft mir bei der Ticketauswahl. 3 Euro für drei Tage unbegrenzten Aufzugfahrens. Das scheint nur fair. Ich bin irgendwie in Urlaubsstimmung. Da sitzt das Geld lockerer und ich überlege nicht, ob es vielleicht noch einen kostenlosen Weg nach oben gibt.
Als ich den Ausblick vom Platz vor der Jugendherberge sehe, weiß ich, dass ich hier unbedingt bleiben möchte: Ein Teil der riesigen Festung Ehrenbreitstein wurde dem Gästehaus überlassen. Vor hier hat man einen perfekten Blick auf Koblenz und das Deutsche Eck. Der beeindruckende Rhein nimmt die nicht minder breite Mosel in sich auf. Von einem hohen Sockel schaut Kaiser Wilhelm von Preussen dem Treiben zu.
Einmal mehr habe ich Glück: Nicht nur gibt es ein Bett im Viererzimmer für mich. Wie sich herausstellt, habe ich das Zimmer auch für mich allein. 22,50 Euro für Zimmer und Frühstück. Natürlich werde ich wieder aufgefordert, einen DJHV-Mitgliedsausweis vorzuzeigen. Doch ich zögere den Anmeldeprozess zum nächsten Morgen heraus.
Ich nutze das verbleibende Tageslicht, um die Festung zu erkunden, und gönne mir sogar ein richtiges Abendessen: Gegenüber vom Aufzug am Fuß des Berges kaufe ich mir für 5 Euro einen Döner und Ayran. Das Festmahl beim Sonnenuntergang wird lediglich durch die grauen Wolken gestört, die den direkten Blick auf den roten Feuerball verdecken. Egal. Ich beschließe den Abend bei einem Tee im Bistro der Herberge.


2014-05-12 09:11 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 45 – 13.5., nach Koblenz Zentrum
Im Frühstücksraum weiß zunächst niemand von meiner Reservierung. Dafür darf ich mir den Platz frei aussuchen. Natürlich entscheide ich mich für die Aussicht auf das Deutsche Eck.
Beim Check-Out komme ich mit der Rezeptionistin überein, die Anmeldung für den Jugendherbergsausweis zu vergessen: ¨Sehen Sie es als Testnutzung unseres Angebots,¨ zwinkert sie mir zu.
Ich setze mich ins Bistro und schreibe an meinem Tagebuch. Am späten Abend hatte ich noch eine begeisterte Einladung von einem Couchsurfer in Koblenz erhalten, die kommenden zwei Nächte bei ihm zu verbringen. Seltsam, aber irgendwie kommt immer alles zusammen.
Wir sind für den Nachmittag gegen drei Uhr verabredet.
Um zwei suche ich die Seilbahn, die von der Festung den Rhein in die Stadt überspannt und mich unweit des Deutschen Ecks ausspuckt. Ich schaffe es gerade noch, ein paar Schnappschüsse vom Wasser und dem Kaiser zu machen, als ein heftiger Regenschauer niedergeht. Zusammen mit einer Gruppe Radfahrer finde ich Zuflucht unter einem Regenschirm an einem Imbisshäuschen. Deren Führer erzählt mir ein paar Anekdoten über die Stadt. So überstand das 1897 errichtete Kaiser Wilhelm-Monument den Zweiten Weltkrieg unbeschadet (im Gegensatz zum Großteil der Koblenzer Innenstadt). Nach Ende des Kreiges jedoch hatte ein französischer Soldat in der Festung Ehrenbreitstein Langeweile und nutzte die überlebensgroße Statue als Ziel für eine Schußübung. Mit einer Kanone. Fast fünfzig Jahre lang blieb der Platz auf dem Sockel am Deutschen Eck leer. Erst in den neunziger Jahren schaffte die Stadt durch eine große Spendensammlung, die Mittel für eine neue Version des Denkmals aufzubringen.
Viertel nach drei werden wir von Ibraheems Anruf unterbrochen. Ich verabschiede mich und wünsche den Radfahrern besseres Wetter für die verbleibende Strecke.
Ibraheems Begrüßung ist enthusiastisch. Er zeigt mir die Ecken der Innenstadt, die er in dem Jahr seit seiner Ankunft in Koblenz kenngelernt hat und plappert dabei fröhlich über die wunderbaren Erlebnisse, die er dank couchsurfing hatte. Wir essen Eis in der Eisdiele, die mir schon von mehreren Freunden als ¨Beste der Welt¨ empfohlen wurde: e Ge Lo Sia. Ibraheem besteht darauf, zu bezahlen. Seine Regel ist einfach: Drei Tage lang bezahlt er für seine Gäste alles und erwartet dasselbe von seinen Gastgebern andernorts.
Ich wünsche mir ein typisch jemenitisches Abendessen. Also gibt es lecker gewürzten Reis mit Zwiebel-Kartoffel-Gemüse.
Ibraheem berichtet viel und ausführlich von seinem Heimatland, seiner Familie und der arabischen Kultur. Es ist unübersehbar, dass es ihn schmerzt, so weit entfernt zu sein. Doch nicht zuletzt aufgrund der politischen Situation im Land hat er sehr gute Gründe, seine Doktorarbeit in Deutschland zu verfassen. Er versucht, sich die schwierige Lage nicht anmerken zu lassen. ¨’Forget and forgive’ is what I always say.¨

Tag 46 – 14.5., in Koblenz
Nach einem schnellen Instant-Kaffee gehen wir wieder in die Innenstadt. Ich möchte mir noch einmal das futuristische Forum Confluentes ansehen. Ibraheem weist auf verschiedene Brunnen in der Altstadt hin. Ich nehme an, dass sie wie so Vieles hier im Zuge der Bundesgartenschau 2011 gebaut wurden. Er kauft uns Frühstück bei Dietsch und wir genießen es in der Sonne, die sich heute morgen die meiste Zeit gegen die dicken Wolken durchsetzt. Danach muss ich noch mehr von der Eiscreme bei e Ge Lo Sia haben. Kurz vor eins verabschiede ich mich für den Nachmittag in die Bibliothek. Ich will mit meinem Tagebuch vorankommen. Ich brauche Ruhe.
Gegen sechs ruft Ibraheem an: Das Abensessen sei fertig under hungrig. Also mache ich mich auf den Weg die Mosel hinauf zu seiner Wohnung. Ich finde ihn auf der Uferpromenade unweit seiner Wohnung im Gespräch mit Freunden. Er stellt mich vor. Sie laden uns für später auf ein Bier zu sich ein. Nichts Großes. Wir sagen vielleicht.
Zum Abendessen gibt es wieder Reis mit Zwiebeln und Kartoffel. Diesmal jedoch erweitert um Kalb. Und wieder schmeckt alles hervorragend.
Allerdings beginnt mein Gastgeber mehr und mehr mich zu irritieren. Ich bin nicht sicher, ob dies an seinen Ansichten zu den Vorzügen des islamischen Umgangs mit Frau und Familie liegt. Er ist sicher nicht sehr konservativ, nur zutiefst von den Vorzügen seines Glaubens überzeugt. Oder liegt es an dem Dauerstreit, den er mit seinem Vermieter austrägt? Der alte Mann hat Ibraheem verboten, Übernachtungsgäste zu haben und auch sonst allerlei abstruse Regeln aufgestellt. Doch in wahrer Machomanier muss mein Gastgeber immerwieder darauf hinweisen, wie überlegen er dem alten Mann gegenüber ist und dass er ihn auseinandernehmen könnte, wenn der ihn nur zu viel reizte. Oder liegt es überhaupt an all den tollen und tolleren Geschichten, die Ibraheem als Antwort auf eine jede meiner Anekdoten aufbietet? An dem Wiederspruch,mich einerseits zu fragen, wie ich wohl meine reise organisiere und andererseits immer einen besseren Plan zu haben, was ich tun sollte?
Ich frreue mich auf jeden Fall, dass er einwilligt, die Einladung der Freunde anzunehmen.
Wir gehen auf das andere Moselufer, an der Uni vorbei, zu einer Gruppe Plattenbauten. Dort, fast am Wald und in der achten Etage wohnen Alexander und Isha.
Wir unterhalten uns ein paar Stunden bei Bier und Chips. Ishas Freund Michael hat eine Tüte voll Akazienblüten (der Baum ist eigentlich die gewöhnliche Robinie) gesammelt, die wir uns schmecken lassen.
Es tut mir ein wenig leid, weil wir deutsch sprechen und Ibraheems deutsch nicht sehr gut ist. Doch er gibt nicht zu, dass er kaum etwas versteht. Er schaut nur beleidigt. Dafür kann ich nichts.
Wir verabschieden uns nach zehn und als wir zur Wohnung zurückkehren, stößt mir auf, dass Ibraheem meine Nähe ein wenig zu sehr sucht. Ich kann nicht sagen, ob es mit sexuellem Interesse geschieht oder weil er glaubt, wir wären jetzt schon gute Freunde. Er erzählt viel von den Freunden, die er nach zwei, drei Tagen couchsurfen schon gefunden hat. Ich kann das für mich nicht bestätigen. Auch wenn ich mich schon sehr gut mit einigen meiner Gastgeber verstanden habe und sie gern wiedertreffen möchte. Freund? Sehr guten Freund? So würde ich nach drei Tagen niemanden bezeichnen. Freundschaften müssen schließlich wachsen. Mit einer beiläufigen Bewegung streife ich Ibraheems Hand von meiner Hüfte.

Tag 47, 15.5. – nach Boppard
Ibraheem hat beschlossen, mich aus Koblenz hinaus zu begleiten. Er würde gern selbst einmal auf eine solch lange Wanderung gehen und möchte sehen, wie das ist. Er schnappt sich sein Fahrrad, besteht darauf, meinen Rucksack zu tragen weil es sonst Schande wär – und wir machen uns auf, immer den Rhein entlang Richtung Bingen. Dort werde ich in ein paar Tagen den Rhein hinter mir lassen, um auf dem kürzesten Weg Worms zu erreichen. Martin hatte mir in Kassel vorgeschlagen, doch am Fluss zu bleiben, anstatt wie ursprünglich geplant, das ¨m¨ mit einem Schlenker Richtung Riesweiler zu schreiben.
Nach etwa einer Stunde fällt Ibraheem ein, dass er kein Wasser dabei hat. Ein Mann, der in seinem Garten werkelt, reicht auf unsere Nachfrage bereitwillig eine Flasche Mineralwasser. Ibraheem schmeckt die Kohlensäure nicht. So reiche ich ihm meine Flasche und fülle mit dem Mineralwassser auf.
Vor der Abfüllanlage des Rhenser Mineralbrunnens entdecke ich voller Begeisterung einen Brunnen, aus dem ich das Wasser frisch aus der Quelle kosten kann, noch bevor Mineralien entfernt und Kohlensäure zugesetzt werden. Ich bin überrascht, dass es leicht sprudelig ist.
In Rhens beschließe ich, mit Blick auf die Schleife, die der Rhein hier macht, dem Rhein-Burgen-Steig vom Wasser weg zu folgen.
Das bedeutet, sich von Ibraheem zu verabschieden. Er fragt, was mir an dem Aufenthalt bei ihm am besten und am schlechtesten gefallen hat. Ich will nicht gemein sein, bin ich doch noch immer sehr dankbar, dass er mich zwei Tage bei sich aufgenommen hat, obwohl er es nicht durfte, und glaube, dass er auf seine Art nur das Beste versucht. Wie er selbst einmal sagte: ¨Be the best couchsurfing host in the world.¨ Also verpacke ich die Botschaft, sage nur, dass ich mir manchmal mehr Raum gewünscht hätte und ein paar Mal das Gefühl hatte, in eine Ecke gedrängt zu werden.
Der Steig vom Wasser weg führt, wie eigentlich zu erwarten war, Berghänge hoch. Für diese extra Anstrengungen werde ich ein ums andere Mal mit bezaubernden Panoramablicken belohnt. Nur zum Ende, beim Abstieg nach Boppard wird mir ein wenig mulmig zumute: der Pfad führt unterhalb eines Sessellifts in Serpentinen und teilweise auf nacktem Felsen steil hinab. Ich gehe so langsam und vorsichtig, dass ich mich mit den Sesselliftfahrern über mir unterhalten kann. Ganz ehrlich: Da, so frei über dem Boden, wollte ich auch nicht sitzen…
Ich beschließe, die Nacht über in Boppard zu bleiben. Die letzten Tage wirken noch nach, also möchte ich mir ein Zimmer gönnen.
In der Tourist-Information ist die Dame am Schalter erstaunlich mitfühlend und sucht mir bereitwillig die billigsten Unterkünfte heraus. Ich telefoniere erfolglos einige davon an und mache mich dann auf zu einem Tante Emma-Laden drei Straßen weiter, deren Betreiber wohl auch privat Zimmer vermieten.
Die Verkäuferin dort winkt ab: Ihr man sei auswärts und sie nicht vor sieben zuhause. Doch ich sollte es die Straße hinunter versuchen. Das ¨Zimmer frei¨-Schild könne ich nicht verfehlen.
Hundert Meter weiter klingele ich schließlich bei Frau Decker. Sie betreibt die ¨Pension Eisenhofer¨ – ungefähr zehn Zimmer, verteilt auf drei Etagen, ohne viel Tam-tam – augenscheinlich allein. ¨25 Euro macht das. Ich muss nur überlegen, welches Zimmer ich als Einzelzimmer eingerichtet hatte.¨
Wir erreichen Zimmer 6 in der zweiten Etage. Auf dem großen Doppelbett ist nur eine Seite bezogen, die andere mit einer Tagesdecke belegt. Auf einem Tischchen liegt eine weißblau gemusterte Tischedecke. An der Wand hängt ein Fernseher. Der Kühlschrank ist nicht angeschlossen. Der Balkon bietet zwar keine Aussicht, aber einen Tisch mit zwei Stühlen. Frau Decker erklärt den Fernseher und die Heizungen in Zimmer und Bad. ¨Heute ist ja noch die kalte Sophie. Morgen wird es aber warm.¨ Frühstück gibt es von 8 bis 9:30 Uhr. Frau Decker geht und ich gehe noch einmal hinaus, um mich in einem Supermarkt für dass Abendessen auszustatten.
Im Penny finde ich Schokolade, Brötchen, Käse und Heidelbeeren im Sonderangebot. Alles in allem kostet mich der Ausflug 2,56 Euro.


2014-05-15 08:12 auf einer größeren Karte anzeigen

Tag 48, 16.5. – in Boppard
Am Morgen mag ich nicht weitergehen. Einen Tag lang faulenzen, am Blog arbeiten, das wäre doch schön. Dafür spricht auch, dass ich derzeit gut in meinem Budget von im Schnitt 10 Euro pro Tag liege.
Nach dem etwas dürftigen Frühstückmache ich es mir mit dem Tablet auf dem Balkon bequem. Die Freude hält nur eine Stunde bis mich ein heftiger Kopfschmerz bis zum Nachmittag ins Bett zwingt. Mit kalten Füssen ist eben nicht zu spaßen.
Um kurz nach zwei schließlich gehe ich wieder hinunter in die Stadt, gönne zwei Kugeln Eis, schlendere am Fluß entlang, und beobachte Ruderer dabei, wie sie eine viertel Stunde lang versuchen, ein Paddel aus dem Wassser zu fischen. Immer wieder treibt es zu weit als dass sie es greifen könnten an ihnen vorbei. Also rudern sie noch weiter den Fluss hinunter, um sich davor zu legen. Irgendwann gelingt das Manöver dann doch.
Am Ortseingang von Boppard gehe ich an den Anlegestellen der Kreuzfahrtboote vorbei. Gruppen von Amerikanern, Niederländern und Franzosen im Rentenalter bereiten sich auf den Landgang vor. Ich erinnere mich mit einem Lächeln an die kurze Nilkreuzfahrt, die ich mit meinem Freund Joe während Africa 360° in Ägypten unternahm. Den Rhein entlang wäre doch vielleicht auch nicht schlecht…
Zum Abendessen decke ich mich abermals für wenig mehr als 2,50 Euro bei Penny ein. Im Fernsehen läuft nichts und dennoch lasse ich die Flimmerkiste laufen. Das ist auch eine Form von Zuhause.

Tag 49, 17.5. – nach Kaub bzw. Sankt Goarshausen
Nach dem Frühstück entdecke ich in meinen E-Mails die Zusage eines Couchsurfers in Sankt Goarshausen. Den hatte ich vor ein paar Tagen angeschrieben. Nun ist mir Sankt Goarshausen für eine Tagesetappe eigentlich zu nah. Der Mann arbeitet allerdings bis zum späten Abend in einer Jugendherberge. So hätte ich zumindest Gelegenhet, das Pokalfinale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund zu verfolgen…
Ich schiebe die Entscheidung darüber, die kostenlose Übernachtungsmöglichkeit in Anspruch zu nehmen, auf den Nachmittag und verlasse Boppard, weiter den Rhein-Burgen-Steig entlang.
Diese Idee verfluche ich bald, stellt sich doch heraus, dass der Weg vom Wasser weg und abermals steile Hänge hinauf führt. Zumindest hat aber inzwischen der Sommer Einzug gehalten. Die Sonne strahlt, ich ziehe sogar meinen Hut aus dem Rucksack hervor. Als ich in Bad Salzig wieder das Flußufer erreiche, beschließe ich, dieses nun bis Bingen als Führer zu nutzen. Am Wasser gibt es keine Berge…
Schon um kurz nach zwei bin ich in Sankt Goar. Ich sehe unterhalb der Burg in dicken Lettern ¨Jugendherrberge¨ an ein Haus geschrieben und freue mich: Ich könnte die Stadt ein wenig erkunden, sogar zur Burg hinauf und dann bei Steffen einkehren. Alles easy.
Ich durchquere den Ort bis ganz zum anderen Ende zum Loreleyfelsen. Die Bronzeskulptur darunter am anderen Ufer nehme ich erst auf dem Rückweg wahr. Mir tun die Camper hier fast schon leid, bezahlen sie doch die schöne Aussicht mit ständigem Lärm von den Schiffsmotoren, auf beiden Ufern vorbeirauschenden Zügen und natürlich Autos.
In der Altstadt gibt es wieder zwei Kugeln Eis: Extradunkle Schokolade und fruchtige Mango. Lecker!
Gegen vier bin ich weider an der Jugendherberge. Am Eingang ein Zettel: ¨Diese Jugendherberge ist geschlossen.¨
Wie verwirrend!
Ich ziehe mein Handy hervor und krame nach der E-Mail von Steffen: ¨… arbeite in der Jugendherberge in Kaub…¨
Wer lesen kann ist noch immer klar im Vorteil.
Nach Kaub sind es etwa zehn Kilometer (und eine Fährfahrt). Das Geld sitzt locker. Also gehe ich zum Bahnhof, um nach einem Zug Richtung Oberwesel zu schauen. Der fährt stündlich, zu meinem Glück in fünf Minuten. Am Automaten kämpft eine Gruppe Japaner unter Leitung eines Einheimischen mit den Tücken der Technik. Mir wird schnell klar, dass ich vor Einfahrt des Zuges hier kein Ticket werde ziehen können.
Ich durchquere den Zug von hinten bis vorne, ohne einen Automaten zu finden. Und noch einmal habe ich Glück, denn einen Kontrolleur gibt es ebenfalls nicht.
Von Oberwesel laufe ich noch einmal fast eine Stunde bis zur Fähre, die nicht nach festem Fahrplan, sondern bei Bedarf fährt.
Steffen ist zwar überrascht als ich ihn in der Jugendherberge finde, hält sein Angebot aber aufrecht. In einer Kammer verstauen wir meinen Rucksack und die Stöcke. Ich schlendere ein Stündchen durch den Ort, lerne etwas über ¨General Vorwärts¨, Feldmarschall Blücher.
Mein Gastgeber hatte mir Benno’s Truck Stop als preiswert und gut empfohlen. Unter lauter Bikern und Radfahrern bestelle ich für 4,50 Euro eine ¨Winzerpfanne¨. Benno fragt hinter dem Tresen: ¨Mit Pommes, Nudeln oder Nudelsalat?¨ Ahnungslos wie ich bin, fordere ich den Nudelsalat an.
Leider ist das Essen nicht gut. Der Essig im Nudelsalt übertüncht jeden Geschmack. Dem Ganzen die Krone auf, setzt jedoch die Rechnung: Statt 6,50 Euro für Essen und eine kleine Limo, werden 9 Euro fällig. Offensichtlich weiß jeder, außer mir, dass Beilagen extra sind…
Geknickt kehre ich in die Jugendherberge zurück. Steffen gibt mir eine Bionade aus und schickt mich zum Rhein, den Sonnenuntergang beobachten.
Kurz nach dem Anpfiff finde ich mich mit den Gästen der Herberge vor dem großen Fernseher ein. Ich komme nach der Halbzeitpause mit einem siebenjährigen, blonden Mädchen ins Gespräch, die Bayern doof, Dortmund toll und es eigentlich egal findet, wer gewinnt. Gut, so ist sie hoffentlich nicht ganz so geknickt, dass Bayern das Ding nach langem Kampf dann doch nach Hause holt.
Gegen Mitternacht sind wir endlich bei Steffen. Der gut aussehende Mitzwanziger macht mir die Couch zurecht. Wir witzeln, für einen kurzen Moment bin ich angetörnt. Dann flucht er über seine dumme Mitbewohnerin und die Monopole, die das Leben auf der Welt kontrollieren und erklärt, warum er die AfD wählt. Moment vorbei.


2014-05-17 10:09 Steinstraße 10 auf einer größeren Karte anzeigen