Walking Home, Woche 16: Aus dem “o”

Tag 106 – nach Villaines-en-Duesmois

Beim Frühstück unterhalten wir uns über meine weitere Route. Ich erwähne, daß ich auf dem Weg nach Lyon sehr nahe an der Abbaye Fontanay vorbeikommen werde, aber noch nicht wüßte, ob ich mir die 10 € Eintritt in das UNESCO-Weltkulturerbe leisten wollte.
Als ich mich verabschiede, steckt mir Christian mit einem Zwinkern 10 € zu.
Zum zweiten Mal erreiche ich um die Mittagszeit Chaource. Ein paar Minuten nur sitze ich auf dem Platz vor Kirche und Touristeninfo in der Sonne bevor einmal mehr ein heftiger Regenschauer niedergeht. Ich sehe mich um. Plakate kündigen für den Abend ein Feurwerk anlässlich des Nationalfeiertags morgen und die Liveübertragung des WM-Finales auf einer Großleinwand genau hier auf dem Platz vor der Kirche an. Ob ich hier für heute Nacht ein preiswertes Hotel finden kann? Oder sollte ich doch nach Arthonnay weiterziehen und schauen, ob Jacqueline und Marcel in ihrer Mühle sind? Ich habe ihre Telefonnummer nicht. Daher kann es sein, daß ich – wie schon bei Marie und Denis gestern – vor verschlossenen Türen stehe. Und dann? Ich bin die Strecke ja schon einmal entlanggelaufen und weiß, daß es hier kein Camping und kaum Bars oder Restaurants gibt. Eine gîte nur hatte ich in Arthonnay gesehen.
Das Problem ¨Übernachtung heute Nacht¨ hinaus schiebend, rufe ich kurzentschlossen in Villaines an. Bis dahin sind es mehr als 50 km, heute nicht machbar. Doch wenn Joe, Boyd und Jack mich aufnehmen, habe ich zumindest morgen ein Bett. Von dort aus könnte ich Fontanay in zwei, drei Stunden erreichen.
Joe erkennt meine Stimme. Sie freut sich, von mir zu hören und bietet sofort an, daß ich morgen vorbeikommen könnte.
In einem Nebensatz sagt sie: ¨Wenn wir dich von irgendwo abholen sollen.¨
Mein Herz schlägt schneller. Das wäre…
Vorsichtig formuliere ich den Gedanken, der mir durch den Kopf schießt: ¨Also, ich weiß nicht, ob das möglich wäre… Doch ich würde gern heute Abend das Spiel sehen…¨
Ohne viel Gewese macht Joe einen Plan: ¨Boyd muss Jack heute Nachmittag irgendwo abholen. Du läufst einfach in unsere Richtung, wie du es sonst auch tun würdest. Und wir melden uns dann, um dich einzusammeln.¨
In meinem Bauch macht sich wohlige Wärme breit.
Ich laufe los. Durch den Regen. Über die endlosen Felder der Bourgogne. Voller Vorfreude auf einen Abend in Familie.
Vor Villon, gegen vier Uhr erreicht mich eine SMS von Joe: ¨Wo bis du?¨
Eine halbe Stunde später sammeln Boyd und Jack mich an der Kirche des Dörfchens ein.
Bevor wir es uns vor dem Fernseher mit einem Bier bequem machen, um den Ereignissen in Maracana zu folgen, müssen meine Gastgeber ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen. Nicht nur das traditionelle Feuerwerk findet in den meisten Gemeinden am Vorabend des 14. Juli statt. Es gibt auch ein gemeinsames Abendessen für alle Dorfbewohner.
Jack und ich essen Pizza und Joghurt.
Wenn man mich in fünf, zehn oder zwanzig Jahren fragt: ¨Wo warst du, als Deutschland 2014 Weltmeister wurde?¨
Ich werde mich erinnern, dem wohlig warmen Gefühl in meinem Bauch nachfühlen und lächeln.

Tag 107 – Villaines-en-Duesmois (mit einem kurzen Abstecher zur Abbaye de Fontanay)

Ich schlafe ein wenig länger, trete auf die Terrasse, trinke einen Kaffee, esse Cornflakes. Weitere gesellschaftliche Verpflichtungen warten auf meine Gastgeber. Jack verfolgt die Parade im Fernsehen, Joe und Boyd machen sich bereit für eine kurze Gedenkfeier und das nachfolgende gemeinsame Mittagessen der Dorfgemeinschaft vor dem Rathaus.
Boyd bäckt ein Brot für das Abendessen. Doch vorher fährt er mich hinüber zur Abtei Fontanay.
Ich reiche der Dame am Eingang mit einem Lächeln die 10 € von Christian und tauche ein in die Welt hinter den Klostermauern.
Das friedliche Tal und seine Gebäude haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich: ingenieurtechnische Meisterleistungen, religiöse Arbeitsmoral, religiöse Verschwendungssucht, Verfall, Enteignung, Umbau zum Fabrikgelände, Verfall. Mit Liebe zum Detail lassen die derzeitigen Eigentümer (nicht die Kirche) den ursprünglichen Zustand wieder herstellen.
Beim Spaziergang über das weitläufige Gelände, welches den eigentlichen Klosterkomplex umgibt, treffe ich auf eine Gruppe Pfadfinder, die an einem kleinen Quellsee ihr Lager aufgeschlagen haben. Statt Zelten haben sie aus Planen und langen Ästen Hochstände mit einfachen Pritschen gebaut. Alles wirkt etwas improvisiert und anarchisch, die Betten nicht bequem; einer der Teenager liegt mitten auf einem Weg in der Sonne, so daß ich zunächst annehme, er sei gestürzt oder krank. Doch er schläft. Das Ganze erinnert mich an eine Szene aus ¨Der Herr der Fliegen¨, würden all diese verdreckten Kinder nicht stolz ihre Pfadfinderuniform mit Abzeichen und ordentlich geknotetem Tuch tragen.
Zurück in Villaines sind nun auch endlich Jack und ich zu den Nationaltagsfeierlichkeiten geladen.
Ich bin etwas enttäuscht, als wir vor der mairie ankommen.
In einem großen Partyzelt sind noch die Reste des Mittagessens zu sehen. Nun warten alle gespannt auf die Spiele. Doch nichts läßt darauf schließen, daß hier die Geburt der Nation gefeiert wird. Auf Nachfrage erklärt mir Joe, daß die Franzosen die Flagge mit dem Militär assoziieren und sie deshalb nur sparsam einsetzen.
Wenigstens die Spiele sind witzig:

  • Würstchenschneiden: Im Original würde die Fleischware ein Rohr hinunter geschickt. Am anderen Ende steht der Spieler mit einem Beil. Gelingt es ihm, die Wurst mit dem Beil zu treffen, wenn sie das Rohr verläßt, darf er sie behalten. Nachdem es aber in der Vergangenheit immer wieder Unfälle gab, wurde die Wurst durch einen Tischtennisball und das Beil durch einen Hammer ersetzt. Der Gewinn bleibt aber eine Wurst, vorzugsweise eine Salami aus dem Supermarkt. Die Franzosen!
  • Geschenke fischen: Dieses Spiel is nur für die Kleinsten. In einem Buddelkasten werden kleine Geschenke vergraben. Nur die Schleife schaut aus dem Sand. Mit einer Angel versuchen die Kinder, ein Geschenk zu ergattern. Natürlich gewinnen alle… Ein wenig zu meinem Unmut gibt es allerdings ein klare Geschlechtertrennung: Jungs dürfen nicht nach den pinken Schleifen fischen und Mädchen nicht nach den grünen. Die Franzosen!
  • Dosen werfen: Das Spiel ist international bekannt. Ich treffe auch nach mehreren Versuchen nicht eine Dose.
  • Kegeln: Die Kegel stehen in mehr als einem Meter Abstand zueinander. Die Kugel ist aus Beton. Einer der Dorfbewohner erklärt, daß vor Jahrzehnten, vor der Verbreitung von Fernseher und Internet, genau hier eine Wettszene um dieses Spiel boomte, bei der Einsätze von mehreren Hundert Euro getätigt wurden. Ich habe keine Ahnung warum. Denn mir scheint es unmöglich, mit drei Versuchen mehr als drei Kegel abzuräumen. Die Franzosen!
  • Nach zwei Stunden verabschieden wir uns. Beim Rückweg durch das Dorf holen wir uns bei Madame Madeleine noch den letzten Klatsch ab. Seit sie vor einigen Jahren mit dem damaligen Bürgermeister in Streit geriet, weigert sie sich, zu den Feierlichkeiten am 14. Juli zu gehen. Doch sie sitzt vor ihrem Haus und wartet gedultig auf die Heimgehenden, die gern auf einen Schwatz stehen bleiben.

    Tag 108 – nach Beaune

    Nach Lyon sind es beinahe 300 km. Boyd hilft mir, sie abzukürzen, indem er mich mehr als 50 km Richtung Dijon mitnimmt. Er will von Ikea eine neue Couch abholen. Ich will von Sainte-Marie-sur-Ouche aus Richtung Beaune laufen.
    In einer beinahe geraden Linie gehe ich stundenlang einen Bergrücken entlang durch den menschenleeren Wald. Im letzten Drittel treffe ich auf den Weg nach Compostella. Der führt den Bergrücken hinunter und auf den nächsten hinauf. Nur mit Mühe gelingt es mir, die mehr als 20 % Steigung in beide Richtungen mit all meinem Gepäck zu überwinden.
    Hinter dem Wald suche ich nach einem Platz für das Mittagessen. Boyd hat mir wieder ein Sandwich mitgegeben, diesmal sogar mit dem frischen, selbstgebackenen Brot von gestern. An einem Kreuz finde ich etwas Schatten und setze mich nieder.
    Bald darauf bin ich von einer Gruppe Wanderer umzingelt. Die mehr als ein Dutzend rüstigen Rentner kommen aus Dijon und fragen mich neugierig aus. Schließlich verabschieden wir uns und sie überlassen mich meinem leckeren Sandwich.
    Kaum eine halbe Stunde später läuft mir die Gruppe an einem Friedhof wieder über den Weg. Wir machen Fotos und ich erhalte den Tip, daß an Friedhöfen das Wasser fast immer von sehr guter Qualität ist.
    Bald darauf beginnt die Bourgogne, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Wohin das Auge blickt, erstrecken sich Weinberge. In jedem Dorf reiht sich ein Weingut an das nächste.
    In Beaune will ich auf dem Campingplatz in der Stadt übernachten. Nun, da die Sommerferien in Frankreich in vollem Gange sind, stelle ich fest, daß sich auch die Gästestruktur unter den Campern geändert hat. Wo zuvor Niederländer und Franzosen im Rentenalter und ihre Wohnmobile dominerten, mischen sich nun mehr und mehr Familien mit kleinen Kindern und Studenten auf Radtouren mit ihren Zelten unter sie.

    Tag 109 – nach Chalon-sur-Saône

    Ich mache einen kurzen Stadtrundgang und fülle im Carrefour meine paté-Vorräte auf.
    Es ist zur Abwechslung heiß und bleibt trocken. Der Weg führt vor allem an Hauptstraßen entlang. In Fragnes finde ich ein kleines Stück Schatten unter einem Werbeschild. Als ich dort sitze, einen Müsliriegel esse und Wasser trinke, hält ein fetter Audi neben mir. Der Fahrer, Ende Zwanzig, muskelbepackt, wo das Essen keine Fettpolster hinterlassen hat, Goldkettchen, bietet mir an, mich in die Stadt mitzunehmen: ¨Wir können einen Kaffee trinken.¨
    Nachdem sich herausgestellt hat, daß ich Deutsche bin, eröffnet er, daß auch er in Berlin gelebt hat. Also sprechen wir auf Deutsch weiter.
    Ich lehne den Kaffee freundlich ab. Ich fürchte, ich weiß, worauf das hinauslaufen soll.
    Er habe Geld, würde mir ein Hotel für heute Nacht spendieren.
    Ich lehne freundlich ab.
    Wir könnten einen Kaffee trinken, gemeinsam zu Abend essen, wenn ich Lust hätte.
    Ich lehne freundlich ab.
    Er fragt, warum nicht, und liefert die Antwort im nächsten, kurzen Satz, als er mit nicht jugendfreien Worten beschreibt, wie er sich den weiteren Verlauf des Abends vorstellt.
    Seit wann sind Prostituierte eigentlich angeblich mit Rucksack, komplett verschwitzt, mit unfrisiertem Haar und mit angeschmuddelten Klamotten auf französischen Landstraßen unterwegs?
    Er gibt auf und fährt weiter, nicht in Richtung Stadt.
    In Chalon-sûr-Saône habe ich den Vorfall schon wieder fast vergessen. Spannenderes verlangt meine Aufmerksamkeit: Auf dem Platz vor dem McDonalds steht ein Milchautomat. Frische, kalte Milch aus der Region.
    Ich erwerbe eine Flasche und fülle sie mit einem halben Liter des köstlichen Erfrischungsgetränks, den ich sogleich hinunterstürze.
    Das hätte ich gern öfter.
    Auf der anderen Seite des Flusses erwartet mich ein weiterer Campingplatz, auf dem ich mich für die Nacht einquartiere.

    Tag 110 – nach Cuisery

    Die Saône zu meiner rechten nur erahnend, laufe ich einen weiteren Tag in bester Sommerhitze die Hauptstraßen entlang.
    Als ich gegen sechs den Campingplatz in Cuisery erreiche, reicht mir die junge Frau hinter der Bar, die auch als Empfang dient, ohne viele Worte eine Flasche kaltes Wasser aus dem Kühlschrank und dann noch eine. Das hatte ich bitter nötig.
    Wieder ein paar Grad abgekühlt, erzählt sie mir, daß sie selbst auch gern allein reist. Momentan steht ihr Zelt auf dem Campingplatz, ein paar Wochen lang arbeitet sie hier. Dann geht es wieder hinaus in die Natur, zum Wandern oder Kajakfahren. Am liebsten allein.
    Zum ersten Mal auf dieser Reise beschließe ich, daß es Zeit für die ¨afrikanische Klimaanlage¨ ist. Ich gehe also in voller Montur in die Dusche und genieße die angenehme Kühle, die mich in den folgenden Stunden umgibt. Wer braucht da noch einen Pool?
    Zum Abendessen ziehe ich mit meinem orangefarbenen Essensbeutel mit Richtung Bar. Davor stehen ein paar Tische mit Stühlen. Die einzigen Sitzgelegenheiten für mich auf dem kleinen Campingplatz. Ich mache mir das übliche halbe Baguette mit einer Dose paté. Dazu gönne ich mir heute zwei Scheiben Scheiblettenkäse.
    Ich habe kaum den ersten Bissen getätigt, als der Besitzer des Platzes erscheint.
    Was ich da essen wollte.
    Ich erkläre meine Mahlzeit.
    Er ist alles andere als begeistert. Kaltes paté? Ungetoasteten Scheiblettenkäse? Unmöglich! Er bietet an, mir ein richtiges Sandwich zu machen.
    Ich sage, daß das hier alles sei, was ich mir leisten könnte, und berichte kurz von meiner Reise.
    Er wiegelt ab. Ich sei eingeladen. Ob Hähnchen OK sei?
    Sicher!
    Nach ein paar Minuten kehrt er zurück, in der einen Hand ein Bier, in der anderen einen Teller Pommes. Ob ich vielleicht lieber einen Salat mit Leber und Schinken hätte?
    Wenn es nicht zu viele Umstände macht.
    Gar nicht.
    Also esse ich einen großen Teller Salat , auf dem ein Haufen gebratene Geflügelleber und Schinkenstreifen verteilt sind.
    Nachtisch?
    Créme brûlée. Wenn es nicht zu viele Umstände macht.
    Tut es nicht.
    Als ich mich bedanke, wiegelt mein Gastgeber wieder ab: Sein höchster Respekt gelte jungen Leuten wie mir, die sich auf solche Reisen begäben.
    Satt und zufrieden ziehe ich mich in mein Zelt zurück.

    Tag 111 – nach Pont-de-Vaux

    Weiter die D933 entlang erreiche ich am späten Nachmittag Pont-de-Vaux. Der Campingplatz hier ist riesig. Ich suche mir einen kleinen Platz unter Bäumen und neben dem Spieleraum. Endlich Gelegenheit, Tablet, Handy und externe Batterie schamlos aufzuladen.
    Da es auch heute wieder heiß ist, beschließe ich, in den nahen Carrefour zu pilgern, um Eiscreme zu kaufen. Ein Viererpack Schokoeis in kleinen Bechern ist preiswerter als ein Magnum. Ich setze mich auf einen Spielplatz in den Schatten, um mich über die ersten beiden herzumachen. Als ein Paar mit einem kleinen Mädchen sich zu mir auf den Platz gesellt, biete ich die verbleibenden Becher an. Sie lehnen ab. Also verputze ich auch diese noch. Bevor sie schmelzen.

    Tag 112 – Pont-de-Vaux

    Am frühen Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht, ist es wieder da, das altbekannte Geräusch. Regen prasselt auf mein Zelt.
    Ich habe hier am Platz alles, was ich brauche. Eine Übernachtungsmöglichkeit in Lyon habe ich hingegen noch nicht. Warum also nicht dem Regen einen Tag lang hier entfliehen?
    Ich verbringe den Tag im Spieleraum und schreibe Tagebuch.