Walking Home, Woche 20: Couchsurfingglück

Tag 134 – Rocamadour

Die Nacht war Dank der vielbefahrenen Straße nebenan laut. Hier bleibe ich nicht. Ich packe und verabschiede mich von Alix. Das belgische Ehepaar im Wohnmobil nebenan erklärt sich bereit, mein Gepäck aufzubewahren, während ich mir Rocamadour noch einmal unbeladen ansehe.
Nach meinem Rundgang bleibe ich noch eine Weile bei dem Wohnmobil, esse alles, was das Paar mir anbietet, und trinke Kaffee.
Gegen drei breche ich auf, um die knapp zwei Kilometer zum nächsten Campingplatz zu absolvieren.
Hier auf der ferme ist es schön ruhig.
Nachdem ich die Übernachtung bezahlt habe, verbleiben noch 4,70 € in meinem Geldbeutel.
Neben dem Sanitärtrakt finde ich einen Tisch mit Stuhl und Steckdose. Eine gute Gelegenheit, an meinem Tagebuch zu arbeiten.
Beim Abendessen am selben Ort spricht mich ein Mädchen auf deutsch an. Ihre beiden Geschwister stoßen dazu und wir unterhalten uns eine Weile. Mein kleines Zelt bringt sie auf die Idee, daß ich doch im ¨Zweitwohnwagen¨ der Mutter übernachten könnte. Dort würde zwar schon ein Gast wohnen. Doch es gäbe ja schließlich zwei Betten.
Lachend lehne ich mit dem Hinweis, daß der Mutter das vielleicht nicht recht sei, das großzügige Angebot ab. Nun muss ich mit zur Mutter, um sie selbst zu fragen.
Stephanie freut sich zwar, mich kennenzulernen, klärt aber auf, daß keiner der Wohnwagen ihr gehöre. Sie und die Kinder sind im Gegenteil zu Gast bei einem Freund, der unweit von Rocamadour bei den Ritterspielen arbeitet. Julien ist verheiratet und verständlicherweise nicht sehr begeistert von der Idee, mit mir seinen Schafplatz zu teilen.
Dafür gibt es Rotwein und ich darf den Schokopudding mit Obst leeren. Julien lädt mich zu den Ritterspielen ein. Ich bin versucht, muss aber ablehnen, weil ich mir selbst die 5 € für die Übernachtung hier nicht leisten kann, solange ich keinen Geldautomaten finde, der funktioniert.
Als ich gehe, überreicht mir Stephanie verstohlen ein gefaltetes selbstgemaltes Bild der Kinder. Darin finde ich 5 €.

Tag 135 – zum Village de Gîtes Salignac-Eyvigues

Weil es aber am Morgen regnet, beschließe ich weiterzuziehen. Vom Regen habe ich nun wirklich genug.
In Pinsac finde ich einen Geldautomaten. Hinter Souillac geht es auf kleinen Wegen weiter. Irgendwann hat einmal jemand behauptet, die Gegend nördlich von Dijon sei die am spärlichsten besiedelte Frankreichs. Doch hier scheint es noch menschenleerer.
Im Village de Gîtes Salignac-Eyvigues hoffe ich eigentlich auf eine preiswerte Unterkunft im Mehrbettzimmer für Wanderer. Doch Dominique klärt mich auf, daß sie und ihr Mann hier ausschließlich kleine Ferienhäuser vermieten würden. Das zwar außerhalb des Sommers auch an Wandergruppen. Aber Zimmer hätten sie eben nicht.
Ich frage nach einer Wiese zum zelten.
Dominique fragt, was ich denn sonst dafür bezahlen würde.
Ich sage: ¨Außerhalb von Campingplätzen? Nichts.¨
Sie antwortet: ¨Dann reden wir morgen früh noch einmal.¨
Eine kurze Rücksprache mit ihrem Mann und Dominique bietet mir an, in dem Familienzelt zu übernachten, daß unbenutzt auf der Wiese steht. Weil ein großes Zelt besser als mein kleines ist, sage ich begeistert zu. Fünf Minuten später habe ich eine Einladung zum Duschen im Privathaus des Paares erhalten. Eine halbe Stunde später zum Abendessen.
Dominique berichtet, daß sie und ihr Mann das village de gîtes vor einigen Jahren auf einem Grundstück seiner Familie errichtet haben. Sie war damals Lehrerin, er Friseur. Stück für Stück ist die Unternehmung gewachsen bis schließlich beide ihre erlernten Berufe aufgaben, um sich dem Vollzeit zu widmen. Meine Gastgeberin berichtet auch, daß sie selbst begeisterte Wanderer seien. Wanderungen zu Fuß, mit dem Kanu und dem Rad gehören zu dem Freizeitangebot, welches sie ihren Gästen unterbreiten. Und ihre eigene Freizeit verbringen sie ebenfalls fast ausschließlich bei mehrwöchigen Wanderungen in Frankreich, Deutschland oder Spanien.
Es ist mir fast peinlich zuzugeben, daß Wandern nun so gar nicht mein Ding ist.
Als ich mich in mein Zelt zurückziehen möchte, blockt Dominique ab: Ich darf in ihrem Gästezimmer übernachten.

Tag 136 – zum Relais de Chevigny bei Bars

Obgleich ich vor lauter Müdigkeit kaum geschlafen habe, fühle ich mich nach der Nacht im Bett zumindest ein wenig erfrischt.
Dominique macht mir ein Lunchpaket und ich mich auf den Weg.
Die Landschaft zeigt sich einen weiteren Tag von ihrer besten Seite. Und es regnet nicht.
Kompliziert wird der Tag erst zum Abend. Einmal mehr sind Häuser rar. Ich versuche mein Glück zunächst bei einer Gänsefarm, die Stellplätze für Campingmobile anbietet. Doch der Umweg ist umsonst: Die Dame weist mich mit dem Hinweis ab, daß sie keine Toiletten hätten, und schlägt vor, daß ich die 6 km zurück nach Montignac gehe, wo es einen Campingplatz gibt.
Ich gehe auf keinen Fall zurück.
Auf der nächsten Farm, die mich begeistert, weil auf den Weiden allerlei exotische Tiere wie Wasserbüffel und Schweine stehen, sind zwar alle Türen offen, doch es ist niemand da.
Google Maps zeigt mir an, daß sich 5 km vor mir ein Campingplatz befindet.
Ein letztes Mal wage ich einen Umweg, als ich das Schild für das ¨Relais de Chevigny¨ entdecke.
Das relais sieht aus wie ein kleines Schloss. Vor dem Tor steht ein Auto mit niederländischem Kennzeichen. Wenn das kein Glücksfall ist!
Ist es nicht: Es öffnet nämlich niemand.
Auf der Suche nach einem anderen Eingang finde ich ein kleines Bauernhaus, vor dem ein weiterer Wagen mit niederländischem Kennzeichen steht. Von drinnen höre ich eine Unterhaltung. Bevor ich klingeln kann, öffnet Ankie.
Sie hat eine schlechte und eine noch schlechtere und dann eine möglicherweise gute Nachricht. Sie ist nicht die Besitzerin des relais. Und sie kann mich nicht bei sich unterbringen, weil sie Gäste hat. Aber wie es der Zufall will, ist ein guter Freund der Besitzerin des relais unter ihren Gästen.
Kees weiß zu berichten, daß das relais an Feriengäste vermietet ist. Doch die Besitzerin hat einen Wohnwagen, vor dem ich vielleicht zelten darf.
Ein paar Kurznachrichten später zeigt mir Kees mein Lager für die Nacht: Monique hat, ohne mich zu kennen, vorgeschlagen, daß ich natürlich im Wohnwagen schlafe.
Wow!
Hier gibt es nicht nur Strom und fließend Wasser, sondern auch WiFi und ein Bier für mich im Kühlschrank. Nur den Gasherd kann ich nicht zum Laufen bekommen.
Gerade als ich mein halbes Baguette mit Hering in Tomatensoße vertilgt habe, bringt mir Ankie einen Teller dampfend heißes Curry vorbei und lädt mich zum Frühstück in ihr Haus ein.

Tag 137 – nach Périgueux

Eine zweite Nacht in einem Bett und ich habe schon deutlich besser geschlafen. Nach zwei Wochen, an denen ich jeden Tag das Nachtlager gewechselt habe, bin ich dennoch bereit für eine kurze Pause. Daher bin ich fast ekstatisch, als sich Max meldet, den ich vor Tagen auf Couchsurfing um eine Bleibe für Périguex gebeten hatte. Der Musiker war auf Tour und ist erst heute zurückgekommen.
Ankie nimmt mich nach zwei Cappuccinos und Baguette mit selbstgemachter Marmelade auch noch ein paar Kilometer mit dem Auto mit.
In Niversac habe ich es mir gerade am Bahnhof für eine Pause gemütlich gemacht, als ein heftiger Regenschauer mich überzeugt, von hier aus den Zug zu nehmen.
Ich treffe Max und seine Freundin Caroline auf dem Parkplatz vor der Kathedrale. Er eröffnet mir, daß ich seine Wohnung für die nächsten drei Nächte ganz für mich alleine haben werde.
Ich glaube, ich träume. Und es tut mir auch kaum weh, als ich erst im Pub 20 € für Drinks und dann im Imbiss 7 € für einen Döner ausgebe. Ich bin im Urlaub.

Tag 138 – Périgueux

Wie immer, wenn ich in einer Stadt Halt mache, absolviere ich das Sightseeing-Pflichtprogramm. Périgueux macht es mir besonders einfach, da der Stadtplan mit zwei Routen versehen ist, auf denen ich das alte römische Viertel und die Altstadt mit der Kathedrale im byzantinischen Stil erkunde.
Zum Abendessen bekoche ich mich selbst in meiner kleinen Wohnung.

Tag 139 – Périgueux

Der zweite Ruhetag gehört – auch das ist inzwischen Tradition – dem Tagebuch. Ich stehe spät auf, wasche all meine Wäsche in Maxs Waschmaschine und schreibe den ganzen Nachmittag.
Heute ist mein ¨Adopt a Day¨-Tag. Ich werde einen kleinen Text für das Buch eines Bekannten verfassen. Jeder Tag des Jahres 2014 gehört einem anderen Autor. Die persönlichen Geschichten werden den Zeitungsüberschriften des Tages gegenüber gestellt. In einem Jahr wie diesem voller Kriege, Flugzeugabstürze, unerwarteter Todesfälle, Ebola und sonstiger schlechter Nachrichten ist ein Buch über die meist hoffnungsvollen persönlichen Erlebnisse normaler Menschen vielleicht genau das Richtige. Obgleich dieser Faulenzertag heute kaum representativ für mein Jahr 2014 ist.
Gegen sieben holt mich Max ab zum Abendessen in Carolines neuem Haus. Sie servieren mir Monbasillac, einen regionalen Dessertwein, foie gras, die mich zum Glück gar nicht reizt, Gemüse und mit kräftigem Käse überbackenes Hühnchen.

Tag 140 – nach Tocane Saint-Apré

Es ist Zeit weiterzuziehen. Noch knapp 700 km.
Ich schlafe bis 8, dusche, mache Kaffee, beginne zu packen. Kurz nach halb neun kommt Max, um seine Instrumente und Notenblätter für eine Saxophonstunde abzuholen. Ich bin immer noch ganz beeindruckt von der Idee, daß man für dieses Instrument neun Jahre auf ein Konservatorium soll und, wie Max mir versichert, auch ständig dazulernt.
Zwei Stunden später mache ich mich auf den Weg, schließe die Tür hinter mir ab und verstecke den Schlüssel im Briefkasten.
In der Stadt kaufe ich in der SFR Boutique einen weiteren Monat Internet und unbegrenztes Telefonieren und SMSen in Frankreich.
Die Route führt von der D689 auf die D710, zwischendurch durch den Wald.
Es ist sonnig, aber nicht zu warm.
Ich erreiche nach nicht einmal 25 km mein Ziel für die Nacht: den Zeltplatz in Tocane.
6,73€. Platz 19. Ein kleiner Strand am Fluss.
Zum Abendbrot esse ich die Packung geraspelter Karotten, die ich vor zwei Tagen gekauft hatte, mit ungetoastetem Toastbrot. Ich sitze neben einem Spielplatz und beobachte ein besonders niedliches kleines Mädchen, welches mit einem cremefarbenen Kleid und Rüschen an den Sandalen, einer glitzernden Spange in den blonden Löckchen sehnsüchtig die Rutsche anschaut, bis sich ihr Vater endlich erbarmt. Plötzlich raunt mir ein Mann mit einem weißen Schäferhund zu: “Ils sont les gens de voyage.” Ich nicke und denke mir nichts weiter dabei. Reisende eben. Manche würden sie Zigeuner nennen. An den Ortseingängen mancher Dörfer stehen Schilder, daß sich die Reisenden beim Bürgermeister anmelden müssen.
Der Mann bleibt wortlos neben mir stehen, bis sich die Gruppe vom Spielplatz entfernt. Es sind Eltern, die mit ihren Kindern nun zum Abendessen gehen.
Wieder raunt mir der Mann etwas zu: “Vorsichtig!”
Ich blicke ihn fragend an.
Er macht eine ausholende Geste: “Sie stehlen alles.”
Ich versuche, ihm zu widersprechen. Doch den Blick immer auf die sich entfernende Gruppe geheftet, ist der Mann nicht von seiner Angst abzubringen. Er geht erst weiter, als die Reisenden um eine Ecke verschwunden sind.