Walking Home, Woche 23 und ein Tag: Dem Ziel ganz nah

Tag 155 – Bordeaux

Sightseeing in Bordeaux interessiert mich im Moment gar nicht. Die Stadt ist nur eine Zugfahrt von Biarritz entfernt. Ich kann für ein paar Tage zurückkommen, wenn es geschafft ist. Im Moment habe ich nur einen Gedanken in meinem Kopf: Meinen Blog auf den aktuellen Stand bringen. Nicht um mir bestätigen zu lassen, was ich geleistet habe. Vielmehr ist die Webpräsenz für mich noch immer der wichtigste Faktor, das Leben als Nomadin zu realisieren.
Wenn ich daran denke, welche großen Pläne ich am Anfang der Reise hatte, was ich dokumentieren und teilen wollte, überfällt mich das schlechte Gewissen von Unzulänglichkeit. In der Realität ist das Laufen seit fünf Monaten mein Job. Acht Stunden am Tag. Zwei Übernachtungen an einem Ort sind mein Wochenende, die Erkundung einer Stadt mein Urlaub. Ich hätte wahrscheinlich ein besseres Gefühl beim Blick auf meinen Blog, wenn ich, anstatt mich die vielen Abende lang immer wieder über ähnliche Themen mit meinen Gastgebern oder Campingplatznachbarn auszutauschen, an meiner Selbstvermarktung gearbeitet hätte. Doch was wäre das für eine langweilige Reise gewesen! Ich wandere schließlich noch immer nicht gerne. Die Gespräche, das Lachen, das Lernen, die manchmal lustigen, manchmal erschütternden Lebensgeschichten sind der Treibstoff, der mich durch den Arbeitstag bringt.
Das Tagebuch ist nun der einzige Bestandteil meiner Webpräsenz, den ich nicht aufgegeben habe.
Ich stehe gegen halb Acht auf, allein im Zweierzimmer. Irgendwann nachts habe ich jemanden gehört, der in das Bett über mir krabbelt. Doch als ich aufstehe, ist sie schon wieder weg. Weil ich so spontan gebucht habe, muss ich das Zimmer wechseln. Noch dazu sind die Zimmer zwischen Elf und Drei zur Reinigung gesperrt.
Ich esse mein Frühstück, hole mein Gepäck aus Zimmer 213 und finde in der Lobby einen kleinen Schreibtisch.
Die meisten anderen Gäste der Jugendherberge sind ausländische Studierende, die sich hier kurz vor Semesterbeginn einquartieren, um nach einer dauerhaften Bleibe zu suchen. Und so bin ich nicht die Einzige, die erst am späten Nachmittag den Fuß vor die Tür setzt.
Ich spaziere für ein paar Minuten durch die Nachbarschaft, erwerbe im Spar-Markt eine Tomate für das Abendessen. In der Herberge gibt es eine kleine Küche. Ich koche ein paar Nudeln, die ich mit einer Dose paté und der Tomate anbrate. Eine Zwiebel und etwas Knoblauch wären nett. Aber es geht auch ohne.
In Zimmer 212 treffe ich eine meiner drei Mitbewohnerinnen für heute Nacht: eine junge Französin mit geflochtenen Zöpfen. Sie erzählt, dass sie gerade in Spanien bei einem Musikfestival gewesen sei. Alle hätten sich gut verstanden und gegenseitig unterstützt. Die Ankunft in Frankreich, wo sie Schwierigkeiten hatte, am Bahnhof jemanden zu finden, der für ein paar Minuten ein Auge auf ihren Koffer behält, sei wie ein Kulturschock gewesen. Doch wir werden uns schnell einig, dass jeder Mensch es selbst in der Hand hat, besser zu sein. Und vielleicht wird die Welt dadurch Stück für Stück zu einem besseren Ort. Andersherum wird das sicher nicht geschehen.

Tag 156 – Bordeaux

Ich beschließe, noch eine weitere Nacht zu bleiben, um im Blog die Geschichte zumindest bis zu dem Punkt zu erzählen, an dem ich in La Rochelle ankomme. Zum meinem Glück muss ich nicht einmal umziehen, sondern darf in Zimmer 212 bleiben.
Ich nehme wieder an meinem kleinen Schreibtisch Platz und arbeite bis zum Nachmittag. Meine französische Zimmergenossin läuft an mir vorbei und grüßt in akzentfreiem deutsch: ¨Ich dachte, du wolltest heute abreisen?¨
Sie ist wohl doch keine Französin.
Überhaupt scheinen die deutschen Erasmus-Studenten hier in der Mehrzahl. Einige werden von ihren Eltern begleitet. Andere finden sich schnell zu Gruppen zusammen, um einander bei der Zimmersuche zu unterstützen. Das Abendsessen – für mich gibt es erneut eine Variante von Nudeln mit Tomatensoße – in der Cafeteria ist die beste Zeit, das Gruppenverhalten zu beobachten. Ein paar Stühle weiter an meinem Tisch erzählt ein sehr großer junger, blonder Mann mit gepflegtem Vollbart, Kastenbrille und im akkuraten Surferoutfit einem gebannten Zuhörer von seinem Modelabel, das als Uniprojekt begann und nun unter anderem mit einer eigenen Boutique weiterläuft. Der Zuhörer berichtet im Gegenzug von den Filmclips, die er produziert und geschnitten hat. Schließlich zückt einer das MacBook und sie zeigen sich gegenseitig ihre Websites. Am Nebentisch genießt eine recht große Gruppe deutscher Studierender allerlei französische Spezialitäten, die sie im Supermarkt erstanden haben. La vie en France!
Zurück im Zimmer lerne ich eine meiner Mitbewohnerinnen für heute Nacht kennen. Sie ist Chinesin, spricht sowohl französisch als auch englisch, aber traut sich aus Angst vor Dieben nicht, das Zimmer zu verlassen, solange ihre Sachen dort drin sind.

Tag 157 – nach Le Barp

Mit dem Blog auf beinahe aktuellem Stand kann ich mich beruhigt aufmachen, die letzten 200 km zu absolvieren. Auf dem Weg aus der Stadt erstehe ich noch ein letztes Mal ein paar Dosen paté im Casino supermarché.
Hinter Le House spricht mich kurz vor einem Kreisverkehr über den Zaun hinweg ein Mann mit einem Hund an. Ob ich auf dem Weg nach Compostella sei? Ich weiß, dass hier tatsächlich ein Jakobsweg Richtung Spanien führt und hoffe insgeheim, dass ich diesmal von den Pilgerherbergen profitieren kann. Doch ich beantworte seine Frage wahrheitsgemäß mit einem Nein. Er lädt mich trotzdem auf eine Cola auf seine Terrasse ein.
Xavier ist begeistert, als ich ihm meine Karte zeige. Er sei selbst schon zwei Monate mit dem Rad in Frankreich unterwegs gewesen und liebe es, unabhängig zu sein. Wir unterhalten uns eine Weile darüber, was Glücklichsein bedeutet und Freiheit. Gegen drei mache ich mich mit einer weiteren Dose Coke in der Tasche wieder auf den Weg. Xaviers Einladung, in seinem Garten zu zelten, schlage ich aus. Ich möchte in Biarritz ankommen, bevor die neue Woche beginnt. Dazu muss ich heute mindestens 30 km zurücklegen.
Laut mehreren Onlinequellen ist Le Barp ein Halt auf dem Weg nach Compostella. Die Website des Ortes verrät, dass die mairie selbst eine Pilgerherberge verwaltet. Ich erreiche Le Barp gegen sechs und finde an der Abzweigung zur Kirche auch sogleich den Wegweiser in Richtung Pilgerunterkunft. Ich folge und finde das kleine Haus verrammelt vor. Die Nachbarin erklärt mir, dass ich den Schlüsselcode von der mairie erhalte.
Dort arbeitet jedoch um diese Zeit niemand mehr.
Auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude steht eine Bank. Ich bin erschöpft. Ich setze mich und trinke meine Coke.
Nach ein paar Minuten erscheinen kurz hintereinander zwei Frauen um die Vierzig. Sie haben sich gerade Zigaretten angezündet, als ich sie anspreche.
¨Ich bin auf einer Pilgerreise und suche nach Obdach für die Nacht. Wissen Sie, wie ich die für die gîte verantwortliche Person erreichen kann?¨
Eine von beiden zögert. Die andere lächelt freundlich und bietet an, drinnen nach der Telefonnummer zu suchen.
Ich bedanke mich und ziehe mich wieder auf meine Bank zurück.
Nach einer Weile kommt die Frau aus der mairie, einen kleinen Zettel in der Hand. Darauf der Schlüsselcode für die Herberge und die Telefonnummer der verantwortlichen Person.
Zwanzig Minuten später bin ich eingezogen. Die Hälfte der Zeit habe ich damit verbracht, die Tür zu öffnen, weil mir die richtige Kombination aus Code eingeben, Knauf drehen und Tür drücken einfach nicht gelingen wollte.
Schließlich stehe ich jedoch in meinem kleinen Haus: links das geräumige Wohnzimmer mit Fernseher, Kamin, Blick in den Garten; geradeaus die kleine Küche und rechts Toilette, Bad (mit Badewanne) und zwei Zimmer. Alles ist etwas heruntergekommen, das Dach undicht, die Einrichtung wohl aus Spenden wild zusammengewürfelt. Doch es ist sauber und warm und da die Bezahlung auf Spendenbasis – donativo – erfolgt, äußerst Budget schonend.
Ich entscheide mich für die Liege im Wohnzimmer, rolle meinen Schlafsack aus, verspeise ein halbes Baguette mit paté und lege mich schlafen, als die Sonne untergeht. Noch 157 km bis Biarritz.

Tag 158 – nach Sanguinet

Die von Google Maps vorgeschlagene ideale Route verläuft von Le Barp aus fast ausschließlich geradeaus, parallel zur Hauptstraße. Das scheint mir etwas dröge. Also suche ich eine Route, die zunächst nach Westen und hinein in die Pinienwälder von Gascogne und Landes führt. Das erweist sich als gute Idee. Bis ich Salles verlasse.
Vor einem der letzten Gärten des Ortes lasse ich mich gegen zwei im Schatten eines Baumes nieder und esse mein übliches Mittagessen: ein halbes Baguette mit paté. Auf der anderen Seite des Gartenzauns beobachtet mich verstohlen ein kleines Mädchen. Mein Wasser ist alle. Ich trete an das Tor und will gerade das Mädchen bitten, seine Mutter zu holen, als diese auch schon auf mich zukommt. An ihren Händen klebt Kuchenteig.
Ohne lange zu zögern, lädt sie mich ein, sie zum Haus zu begleiten. Sie reicht mir eine Flasche Mineralwasser, um meine eigene Flasche zu füllen und bietet mir einen Kaffee an. Dazu kann ich nie Nein sagen.
Ich setze mich und trinke Kaffee, während meine Gastgeberin weiter einen Apfelkuchen zubereitet. Wir unterhalten uns und die Sprache kommt auf meine Route für den Nachmittag. Ohne zu schauen, wie weit der Weg ist und wo er lang führt, hatte ich mich darauf eingeschossen, Ychoux zu erreichen. Meine Gastgeberin reißt die Augen weit auf: Das wären etwa 30 km. Durch den Wald. Ohne einen anderen Ort oder Gehöfte am Wegesrand.
Gut, dass wir darüber gesprochen haben!
Ich lasse mich also überzeugen, stattdessen noch weiter nach Westen bis nach Sanguinet zu gehen. Das ist tatsächlich der nächste Ort. Und es gibt dort zahlreiche Campingplätze. Doch damit komme ich den Nachmittag lang Biarritz keinen Schritt mehr näher.
Die Route ist einsam und verlassen. Wie verlassen, merke ich nach anderthalb Stunden: Ich hatte gedacht, dass die drei, vier dünnen Bäumchen, die mir bislang den schmalen Weg versperrt hatten, Opfer der Stürme der vergangenen Wochen waren. In einen Gebiet dieser Größe ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die Waldarbeiter mit dem Aufräumen nicht hinterherkommen.
Aber jetzt, ein paar Hundert Meter vor der Abzweigung auf eine breite Forststraße, liegen da zwei Kiefern hintereinander, die Stümpfe in ausreichender Entfernung, dass auch ich verstehe, dass sie mit Absicht den Weg versperren sollen. Furchtlos setze ich meinen Rucksack ab und versuche, hinüber zu klettern, wie ich es auch schon die vergangenen drei, vier Male getan habe. Doch die Äste und Nadeln sind so dicht, dass ich alsbald aufgeben muss.
Links wird der Weg von einem Graben begrenzt, rechts von dichtem Unterholz. Ich könnte zurückgehen und nach einem anderen Weg suchen, dabei noch einmal anderthalb Stunden verschenken. Ich könnte in den Graben hinabsteigen und hoffen, dass ich nicht mit den Füßen in Wasser und Schlamm versinke. Oder ich könnte schauen, ob ich mich nicht doch durch das Unterholz kämpfen kann.
Ein paar Meter zurück finde ich einen Weg durch den schmalen Streifen Wald auf eine Graslandschaft. Das Gras geht mir bis zu den Oberschenkeln und ist durchzogen von Unkraut. Ich trage den Trolley auf dem Rücken und meinen blauen Rucksack auf dem Bauch, taste mich langsam mit den Stöcken vorwärts. Ich reiße mir das rechte Knie an einer Brombeerranke auf, stolpere beinahe in eine Gruppe Brennnesseln weil der Boden so uneben ist. Doch schließlich erreiche ich die breite Forststraße.
Von hier an wird es nicht wirklich besser, aber wenigstens gibt es keine Hindernisse mehr zu überklettern. Stattdessen verwandelt sich die Piste in einen Sandkasten, in dem ich mit meinem Wägelchen nur langsam vorwärtskomme.
Es ist nach sechs, als ich Sanguinet erreiche. Auf Google Maps habe ich mir einen Campingplatz auf dem Weg nach Süden herausgesucht. Doch abermals tut sich ein Hindernis auf: Diesmal in Form einer Anwohnerin, die mir den Zugang zu einem von Google Maps als öffentlich markierten Weg verweigert. Ihre Tochter ist etwas weniger zugeknöpft und erklärt mir nicht nur den Umweg, sondern auch, wo ich ein camping municipal finden kann.
Noch 137 km nach Biarritz.

Tag 159 – nach Saint-Paul-en-Born

Nach dem Frühstück geht der Tag ähnlich weiter, wie er gestern aufgehört hatte. Vielleicht hätte ich ja vorher auf die Idee kommen können, dass je näher ich dem Meer komme, der Boden sandiger und weicher wird. Hätte ich mich dann dafür entschieden, auf der langweiligen, schnurgeraden Hauptstraße zu bleiben?
Die Aussicht, dass in vier Tagen alles vorbei sein kann, treibt mich weiter.
Ich lege mir Saint-Paul-en-Born als Ziel für den Tag zurecht. Kurz vor dem Ort finde ich einen Campingplatz. 17 Euro will man hier für einen Stellplatz pro Nacht. Und das, obwohl die Saison seit dieser Woche vorbei ist.
Auf der Website von Saint-Paul finde ich heraus, dass es auch hier eine vom Dorf betriebene Pilgerherberge gibt. Um mein Glück nicht allzusehr herauszufordern, rufe ich in der mairie an, bevor ich die letzten zwei Kilometer dorthin zurücklege.
Die kleine gîte pelerin befindet sich direkt neben der mairie. Der Bürgermeister zeigt mir meine Bleibe: Toilette, Dusche, kleine Essküche, Schlafzimmer mit Stockbett . Seine Assistentin reicht mir das Gästebuch und einen zum Sparschuh umfunktionierten Converse Allstar. Ich höre mir ihre Restaurantempfehlungen an, obwohl ich doch weiß, dass ich ein halbes Baguette mit paté essen werde.
In der Nacht weckt mich ein Rascheln, das immer eindringlicher wird. Ich gehe in die Küche, in der Annahme, dass ich vielleicht das Fenster aufgelassen habe. Stattdessen sehe ich, wie sich mein Essensbeutel bewegt. Ein paar Stupse und eine kleine Maus stürzt in Richtung der Lücke zwischen Anrichte und Kühlschrank. Das arme Ding hätte sich an der geöffneten Packung Cracker oder dem kaum eingepackten Brot gütlich tun können. Stattdessen hat sie es gerade einmal geschafft, eine Ecke der Verpackung eines Müsliriegels abzureißen. Zugegeben: Es sind leckere Müsliriegel, Schokolade und Erdnuss. Doch sie hatte nicht einmal Zeit zu kosten.
Noch 102 km nach Biarritz.

Tag 160 – nach Vielle-Saint-Giron

Neben dem üblichen halben Baguette mit Honig esse ich den angebrochenen Müsliriegel zum Frühstück.
Der Spaziergang am Morgen ist wieder sandig. Erst gegen Mittag erreiche ich geteerte Straßen.
In Bias stoppe ich an einer Bäckerei. Ich kaufe Brot für die verbleibenden zwei Tage und verbringe meine Mittagspause hier.
In Saint-Julien-en-Born spricht mich vor einer Bar ein junger Mann an. Er war einige Minuten zuvor mit seinem Rad an mir vorbeigefahren und hatte fröhlich gegrüßt. Also lasse ich mich ansprechen und auf ein Bier einladen. Begierig fragt mich Gianni nach meiner Reise und Tipps für eine solch lange Wanderung aus. Bereitwillig teile ich über ein Grimbergen mein Wissen.
Schließlich weise ich darauf hin, dass ich mich auf den Weg machen muss, wenn ich heute mein Pensum von mindestens 30 km erfüllen möchte. Der Italiener muss in dieselbe Richtung und so laufen wir eine Stunde gemeinsam. An seinem Haus überlegt er einen Moment und reicht mir dann einen Beutel getrockneter Pflaumen: ¨Das ist mal etwas anderes als immer nur Brot und paté
Den Rest des Tages bleibe ich auf der Hauptstraße. Nach mehr als 35 km miete ich mich auf einem Zeltplatz hinter Vielle-Saint-Girons ein.
Noch 64 km bis Biarritz.

Tag 161 – nach Capbreton

Die Nähe zum Meer hat auch einen großen Vorteil: Es wird nachts nicht kalt. Die Temperaturen bleiben mit 15 Grad und mehr vergleichsweise warm. Nach einer traumhaft angenehmen Nacht grüßt mich kurz nach dem Aufwachen dann doch noch einer meiner Albträume: Eine fette grau-braune Spinne hat ihr zuckerwatteartiges Netz in meinem Vorzelt gespannt. Ich atme ein paar Mal tief durch, zwänge mich durch die kleinstmögliche Öffnung im Innenzelt und springe nach draußen. Mit einem Ast angele ich die Spinne und befördere sie ein paar Meter weiter.
Nach diesem schrecklichen Start ist der Rest des Tages harmlos, wenn auch extrem lang. Ich folge der D652 und der D79 bis Capbreton. Es ist das erste – und einzige – Mal, dass ich auf meiner Reise mehr als 40 km an einem Tag laufe. Als ich den Campingplatz erreiche, bin ich stehend k.o. Erst nach einigen Bechern eiskaltem Wasser bin ich in der Lage, mit der Empfangsdame über den Preis zu diskutieren: 13 Euro ist zwar nicht mal unter den Top Fünf der teuersten Campingplätze, auf denen ich gewesen bin, aber hier in der Gegend hätte ich gern einen Pilgerrabatt.
Noch 25 km nach Biarritz.

Tag 162 – nach Biarritz

Als ich meine Zelt zum letzten Mal abbreche, kommt ein Radfahrer mit großen Packtaschen an und fragt, ob er meinen Stellplatz in der Sonne haben könnte. Wir sprechen kurz über unsere Reisen. Er möchte nach Compostella. Ich will nach Biarritz. Er gratuliert mir. Ich wünsche ihm alles Gute.
Meine Route führt zunächst entlang des Radweges ¨Velodyssey¨, der auch Teil des Voie du Littoral, ein Stück Jakobsweg ist. Ich lächele jeden an, der mir entgegenkommt. ¨Bonjour!¨ Die meisten Leute grüßen fröhlich zurück. Einige mit dem ¨Bon camino!¨. Der Gruß an die Jakobspilger.
Doch ich korrigiere sie nicht. Ja, ich habe einen guten Weg.
Ich benutze nicht einmal mehr meine Wanderstöcke. Der Wille, endlich anzukommen, treibt mich vorwärts.
Dann zeigt sich Google Maps noch einmal von seiner dunkelsten Seite. Um ein paar Kilometer abzukürzen, lenkt es mich auf einen Forstweg, alsbald ein Sandkasten, der rechts und links von stacheligen Büschen begrenzt wird und schließlich steil abfällt, um einen Moment später ebenso steil wieder anzusteigen, abzufallen, anzusteigen. Ich rutsche. Ich stolpere. Ich kämpfe. Ich erreiche wieder festen Boden unter meinen Füßen.
Am Hafen von Bayonne ist es heiß, als ich ein letztes Mal ein halbes Baguette mit einer Dose paté beschmiere. Ich muss noch einmal ein paar Kilometer landeinwärts gehen, um die Brücke über die Adour zu finden. In Anglet hupen mich die Autofahrer an der mehrspurigen Straße an, als wäre ich verrückt, hier zu gehen. Ich biege in die Nebenstraßen ab und fülle ein letztes Mal meine Wasserflasche an einem öffentlichen Trinkbrunnen.
Und dann bin ich in Biarritz.
Hier an der Nebenstraße gibt es nur das Ortsausgangsschild von Anglet. Keine Gelegenheit für ein triumphales Foto: ich und Biarritz. Stattdessen durchquere ich die Stadt, bis ich sie wiederfinde: la mer.
Irgendwo auf der anderen Seite liegt New York, fünf Monate, eine Woche und einen Tag hinter mir Berlin. Ich schlürfe eine Granita und beobachte eine Weile die Leute um mich herum, die jetzt am späten Nachmittag den Strand verlassen. Ich muss nirgendwo hin. Ich bin am Ziel angekommen.