Château de Minière, a complete wine experience – Weinlese in Frankreich

Den Großteil des Oktobers habe ich im Loire-Tal verbracht. Diese Region in Zentral-Frankreich ist vor allem für zwei Dinge bekannt: wunderbare Schlösser und Wein. Obwohl ich auch Zeit fand, erstere zu erforschen, kam ich für letzteres: Seit ich darüber gelesen hatte, wie jedes Jahr im Herbst Tausende französische Studenten in die Weinberge des Landes einfallen, um hart zu arbeiten, zu feiern und Wein zu trinken, stand die Weinlese war auf meiner “101 Dinge in 1001 Tagen”-Liste und mein Frankreichabenteuer wäre ohne nicht komplett. Ganz zu schweigen davon, dass nach sechs Monaten unterwegs die Zeit gekommen war, wieder ein bisschen Geld zu verdienen, damit die Reise weitergehen kann.

Frisch in Biarritz angekommen, begab ich mich auf der offiziellen Website des französischen Arbeitsamtes, pole-emploi.fr, auf Stellensuche. Meine ursprüngliche Idee war es, ein Weingut zu finden, welches mir Unterkunft und Verpflegung bietet (nourri & logis). Schlussendlich schickte ich meine Bewerbung an die beiden Weinberge, die nicht direkt darauf hinwiesen, dass Unterkunft und Verpflegung nicht gestellt würden. Laut der Anzeigen sollte die Ernte in drei Wochen beginnen, und die Bewerbungsemail auf Französisch brachte mich ins Schwitzen.

Eric, der technische Direktor des Château de Minière in Ingrandes-en-Touraine antwortete eine Woche später. Auch er konnte mir keine Unterkunft oder Verpflegung anbieten. Jedoch hatte er ein Feld für mein Zelt. Ich bestätigte mein Interesse an der Position.

Weniger als zwei Wochen vor Beginn der Ernte erhielt ich eine E-Mail mit dem genauen Datum und Uhrzeit: Ich sollte am Montag, den 6. Oktober um 7:45 Uhr vor dem Schloss die Arbeit antreten. Nur wenige Tage später wurde das Datum geändert. Da das Wetter im Begriff war, sich zum Schlechteren zu wenden, wurden wir gebeten, bereits am Freitag in Ingrandes zu sein.

Donnerstagmorgen überreichten mir meine WorkAway -Gastgeber in Lot eine dicke Decke, ein Paar Gummistiefel sowie ein Paar Gartenhandschuhe, und ich machte mich im Zug auf gen Norden. Gern hatte ich Erics Angebot angenommen, mich vom Bahnhof in Saint Patrice abzuholen.

Das Feld stellt sich bei meiner Ankunft als ein Grasfläche neben dem Weinkeller (chai) heraus. Die Toilette ist ein Dixiklo in einer Ecke des Grundstücks. Dafür gibt es reichlich fließendes Wasser. Jedoch nur kaltes. Eiskaltes. Der Gedanke, zwei Wochen ohne eine heiße Dusche in meinem kleinen Zelt zu verbringen, lässt mich erschaudern. Eric versucht mich zu trösten, indem er die Ankunft spanischer Erntehelfer mit Wohnwagen ankündigt. Vielleicht könnte ich ja deren Dusche nutzen.

Im Zentrum von Ingrandes, ca. 2 km vom chai entfernt, finde ich einen kleinen Supermarkt im bar-tabac-epicerie-depot de pain. Die anfängliche Erleichterung zumindest Zugang zu frischem Brot, Milch und Käse zu haben, weicht jedoch bald einem Anfall von Panik: der Laden, so kündigt es ein kleiner Zettel im Schaufenster an, würde die gesamte folgenden Woche geschlossen bleiben, während der Besitzer seinen verspäteten Sommerurlaub geniesst. Auf dem Weg an die Loire hatte ich im Supermarkt einen kleinen Vorrat an paté, Dosenmais und Mikrowellennudeln erworben. Aber diese würden nicht länger als ein paar Tage reichen. Kalt und ohne Brot würden sie zudem furchtbar langweilig schmecken.

Ich erkenne, dass ich unter meinen Kolleg_Innen schnell Freunde finden muss, um nicht kalt, hungrig und unglücklich zu enden.

Die erste Gelegenheit, neue Freundschaften zu schliessen, ergibt sich gleich bei meiner Rückkehr vom Einkaufsbummel. Drei junge Frauen aus der Bretagne richten neben ihrem kleinen Auto ihr winziges Zelt ein. Wir teilen uns ein improvisiertes Picknick im Gras. Sie erzählen mir von der winzigen Wohnung in Chinon, in die sie am folgenden Tag umziehen wollen. Ich wage nicht zu fragen, ob ich mitkommen könnte.

Obwohl die Nacht Dank meiner neuen Decke deutlich weniger eisig war als so viele Nächte zuvor, ist der nächste Morgen so unangenehm wie von einem Morgen ohne heisse Dusche zu erwarten war. Die Spanier sind noch immer nicht angekommen. Meine Campingnachbarinnen nehmen mich die paar hundert Meter zum eigentlichen chateau in ihrem Auto mit.

Wir werden von einem gut gelaunten Eric und unseren Kolleginnen und Kollegen begrüßt. Etwa ein Drittel von ihnen stammt aus der Gegend, die anderen haben den größten Teil des Sommers damit verbracht, auf der Suche nach Saisonarbeit durch Frankreich zu reisen oder sind Absolventen, die auf ihren ersten richtigen Job warten. Die jüngste, Fanny aus Brest, ist gerade einmal 19 Jahre alt; die älteste, Sylvie, die Frau von Vorarbeiter Gil, in den Fünfzigern. Eric hat es geschafft, ein Team von Arbeitern zusammenzustellen, auf die ich neugierig bin und mit denen ich in den kommenden zwei Wochen zahlreiche spannende Gespräche führen sollte.

Nach einer kurzen Autofahrt erreichen wir die erste Parzelle. Jeder der Pflücker greift sich einen Eimer und eine Schere, einige haben ihre eigenen Gartenscheren mitgebracht. Die Träger schnallen sich die leuchtend gelben Plastikbehälter auf den Rücken. Mir gelingt es nicht einmal, die hottes leer zu heben.

Ich hatte erwartet, dass wir eine längere Einführung in die Traubenlese erhalten würden, um zu wissen, welche Trauben brauchbar sind und welche nicht. Stattdessen hat Eric nur eine Regel für uns: “Ich möchte nur schöne Trauben. Ich möchte keine vertrockneten oder verschimmelten Trauben, keine Blätter, keine Unkraut. Nur schöne Trauben.¨

Und los geht es in den Reben. Mein Partner entlang der ersten Reihe ist Antoine, ein verträumter junger Mann aus Rennes. Auf die Knie. Blätter abreissen. Traube greifen. Von der Rebe schneiden. Verschimmelte und vertrocknete Trauben entfernen. In den Eimer fallen lassen. Aufstehen. Weiter die Reihe entlang. Alle paar Minuten den Eimer beim Träger leeren, der die Reihen durchstreift. Auf die Knie. Blätter abreissen. Traube greifen. Von der Rebe schneiden. Verschimmelte und vertrocknete Trauben entfernen. In den Eimer fallen lassen. Aufstehen. Weiter die Reihe entlang. Auf halber Höhe der ersten Reihe spornt Vorarbeiter Gil uns an, schneller zu arbeiten: Scheinbar sind alle anderen schon mit ihrer ersten Reihe durch.

Das stimmt natürlich nicht ganz richtig. Nur die Spanier haben begonnen, sich vom Ende unserer Reihe in unsere Richtung zu arbeiten. Aber wir sind aufgeschreckt genug, um noch einmal 20% Geschwindigkeit draufzulegen. Ich will auf keinen Fall das schwächste Glied in der Mannschaft sein.

Runter, abreißen, greifen, schneiden, säubern, fallen lassen, aufstehen, weiter, runter, …

Die höhere Geschwindigkeit kommt auf Kosten der Konzentration. Ich reisse nicht mehr genug Blätter von den Reben, um genau zu sehen, wo ich schneiden musste. Ich schneide zu schnell, die Augen schon auf der nächsten Traube. Das Ergebnis ist eine klaffende Wunde in meinem linken Zeigefinger. Ich umwickele den Schnitt hastig mit einem Taschentuch und fahre fort, um nicht noch einmal hinter die anderen zurückzufallen.

Nach zwei Stunden behandelt Gil meinen Finger. Zu meiner Erleichterung bin ich nicht die einzige ungeschickte Person. Am Ende der ersten Woche sind diejenigen, die sich nicht geschnitten haben, in der Minderheit und wir vergleichen unsere Narben.

15 Minuten Pause. Der Chef gibt eine Runde Kaffee, heiße Schokolade und Küchlein aus.

Dann ziehen wir auf eine andere Parzelle um. Lächelnd, das Refraktometer in seinen Händen, wartet Eric schon auf uns, um uns in die Reihen einzuweisen, deren Trauben süß genug für seinen Wein sind.

Um 12.30 Uhr unterbrechen wir die Arbeit und kehrten zum Mittagessen zum Schloss zurück. Ich habe mein halbes baguette und die Dose pate im chai vergessen. Aber die Arbeitsatmosphäre ist so positiv, dass Vorarbeiter Gil mich die paar hundert Meter im Van hin- und zurückfährt, bevor er sich zu dem anderen Handvoll Stammpersonal gesellt und das von Köchin Muriel servierte Mahl geniesst. Wir Saisonkräfte machen es uns in der Sonne an den zwei Picknicktische zwischen Parkplatz und clos bequem. Erst am nächsten Tag, als der erste Regen über die Weinberge zieht, entdecken wir den Raum mit dem großen Tisch, Bänke auf beiden Seiten und zwei Mikrowellen nebendran, der der Speisesaal für die Saisonkräfte ist. Am ersten Tag lümmeln wir draußen in der Sonne. Ich unterhalte mich mit Aurelion, dem Grafik-Designer aus der Nähe von Colmar und mit Antoine, dem Musiker aus der Bretagne. Es stellt sich heraus, dass der in einer kleinen gîte, etwa zwei Kilometer entfernt nächtigt.

Ich gebe mir Mühe, subtil zu sein und nicht verzweifelt zu klingeln, als ich auf die Nachricht reagiert: “Ich suche jemanden, der Lust hat, sich eine Bleibe zu teilen. Das würde ja auch weniger Miete für beide bedeuten. Je mehr, desto besser …¨

Antoine übergeht die Information zunächst, ohne zu antworten. Vielleicht liegt es an meinen Mitleid erheischenden Bemerkungen über mein luftiges Zelt, das kalte Wasser, die fehlende Dusche, den bevorstehenden Regen… Jedenfalls bietet er ein paar Minuten später an: “Du kannst mit bei mir einziehen. Si tu veux.¨ Ich frage nicht einmal, wie hoch die Miete wäre.

Um zwei ist die Mittagspause vorbei und wir fahren zurück zu der ersten Parzelle, auf der wir am Morgen geerntet hatten. Ich arbeite für eine Weile mit Alexi, dem Franzen mit Dreadlocks, die ihm bis zum Hintern gehen. Alexi kam mit den Spaniern von der Weinlese im Bojoulais. Er lobt mein Französisch und meine Traubenschneidefähigkeiten. Er warnt mich auch vor dem Schmerz, den ich morgen früh, und dann noch einen weiteren Tag fühlen werde, bevor sich mein Körper an den zahllosen Kniebeugen gewöhnt hat. Er konnte nicht wissen, dass ich auch noch eine Art Tennisarm entwickeln würde: Das Weinlesehandgelenk, welches sogar noch zwei Wochen nach dem Ende der Ernte dafür sorgen würde, dass ich kaum Brot schneiden oder ein Glas Marmelade öffnen konnte.

Nach Alexi arbeite ich gegenüber einer der jungen Frauen aus der Bretagne, mit dem winzigen Zelt und dem kleinen Auto. Als ich ihr erzähle, dass ich zu Antoine umziehe, entschuldigt sie sich, mich nicht in die winzige Wohnung in Chinon eingeladen zu haben. Aber ich verstehe.

Schließlich arbeite ich wieder mit Antoine. Wir sind ein gutes Team und finden heraus, dass Stellen mit besonders vielen Trauben am bequemsten im Lotussitz zu bewältigen sind. Doch es dauerte nicht lange und Eric erwischt uns. Er erklärt, dass es in den Weinbergen nur eine Regel gibt. – Gab es da nicht auch noch die Regel darüber, was in den Eimer kommt und was nicht? – Egal. Die Regel lautet: Nicht sitzen.

Um halb sechs packen wir unsere Eimer, Scheren und hottes und fahren zum chateau und weiter zum chai. Wir folgen Erics Einladung, zu erleben, warum wir uns soviel Mühe geben, schlechte Trauben auszusortieren. Als erstes kosten wir bulles , Schaumweine, die das Château de Minière als rot oder rosé keltert. Dann probieren wir le paradis, Saft aus Trauben, die wir an diesem Morgen geerntet haben und die bereits ganz leicht vergoren sind.

Als die Sonne fast untergegangen ist, ist es an der Zeit, zu gehen. Mindestens ein halbes Dutzend meiner neuen Kollegen hilft mir, mein Zelt zu packen und mein Hab und Gut zu Antoine zu bringen, bevor wir endgültig “Gute Nacht!” sagen. Am Morgen werden wir uns alle wieder treffen, um 7 : 45, vor dem chateau.