Arbeit in der Weinlese: Fünf Tipps

Im Oktober habe ich zwei Wochen lang in Zentralfrankreich Wein geerntet.  Ich kann diese Erfahrung nur empfehlen (so du in der Lage bist, ein paar Dutzend Kniebeugen am Tag zu machen und ungefähr 5km zu laufen).  Hier ein paar Tipps und Tricks dazu, was zu beachten ist, wenn du dich im nächsten Sommer, Herbst oder Winter selbst auf den Weg machen möchtest.

Lerne (ein bisschen) Französisch

Ich habe den Anspruch an mich selbst, immer zumindest ein paar Worte in der Sprache meines Ziellandes zu sprechen. Vielleicht ist es dir auch schon einmal aufgefallen – und in Frankreich gilt das mehr noch als in anderen Ländern -, dass die Menschen sehr viel freundlicher und zuvorkommender sind, wenn du wenigstens versuchst, in ihrer Sprache zu kommunizieren. Gerade in der Landwirtschaft musst du schon sehr viel Glück haben, um einen Arbeitgeber zu finden, der mit dir in einer anderen als der Landessprache spricht.

Auch wenn es Ausnahmen von der Regel gibt, bedenke:

Selbst wenn die Eigentümer des Weingutes nicht aus Frankreich stammen – in meinem Fall ist die Besitzerin eine sprachbegabte Belgierin -, Vorarbeiter und die direkt für die Lese verantwortlichen Angestellten tun dies wahrscheinlich schon. Und auch deine Kollegen werden vor allem auf Französisch kommunizieren (oder einer anderen Sprache als Deutsch oder Englisch).

Die meisten Stellenanzeigen sind auf Französisch. Wenn ein Bewerbungsschreiben (oder eine Bewerbungsemail) gefragt ist, dann gewöhnlich ebenfalls auf Französisch. Du wirst die wichtigen Informationen auf Französisch erhalten.

Arbeitsanweisungen werden auf Französisch gegeben.

Mach dir also die Mühe und frische deine Grundkenntnisse auf. Als kleine Hilfe findest du im Folgenden die wichtigsten Begriffe zum Thema Weinlese.

Klicke hier für meinen Beitrag über Fünf Tools, um französisch zu lernen.

Der Job

Obwohl in Weinbergen weltweit Erntemaschinen mehr und mehr zum Einsatz kommen, kann auf die Lese mit der Hand noch immer unerlässlich für Bioweine, qualitativ besonders hochwertige Weine und an steilen Hanglagen.

Die Erntesaison dauert bis zu drei Wochen. Erfahrung in der Weinlese oder der Landwirtschaft sind von Vorteil, aber häufig nicht Voraussetzung, um eine Stelle zu erhalten. Allerdings bevorzugen die meisten Arbeitgeber Mitarbeiter, die sich für die gesamte Zeit verpflichten. Anderseits ist Saisonarbeit manchmal unberechenbar. Das Wetter kann umschlagen, einen früheren als den ursprünglich geplanten Erntebeginn notwendig machen oder längere Regenunterbrechungen erzwingen.

Nur tatsächlich geleistete Arbeitsstunden werden bezahlt. Nicht so die in Frankreich übliche bis zu zweistündige Mittagspause oder Regenpausen. Bioweine insbesondere können nicht in schweren Regenfällen geerntet werden. Mit Blick auf meine Ernteerfahrung 2014 bedeutete dies, dass ich in elf Arbeitstagen nur 61 Arbeitsstunden abrechnen konnte. Wenn du für Unterkunft und Transport bezahlen musst, wird das Unterfangen in schlechten Wetter schnell unrentabel.

In der vendange sind drei Saisonjobs zu vergeben: lesen (coupeur oder vendangeur / vendangeuse), tragen (hotteur), sortieren (triage). Alle drei sind körperlich anstrengend, die drei ersten Tage am anstrengendsten (ein Schmerzmittel wie Aspirin oder Paracetamol hilft, den Muskelkater zu überspielen – das ist alles was du tun kannst, um weiter Geld zu verdienen).

Arbeiter in der Lese müssen sich ständig nach unten beugen, auf die Knie oder in die Hocke gehen, sich setzen ist nicht erlaubt. Scheren werden gestellt, obgleich manche ihre eigenen Gartenscheren mitbringen. Die finde ich aber zu klobig. Ach, und so ziemlich jeder schneidet sich irgendwann im Laufe der Ernte in den Finger.

Träger schleppen den etwa 20 kg schweren Korb (hotte) sowie ca. 30 kg Trauben, die sie von den Lesern reihauf, reihab einsammeln, zum Anhänger (benne). Selbst mit Polstern ist das körperliche Schwerstarbeit und jeder Träger stolpert früher oder später.

Das Sortieren ist in der Maschinenernte besonders wichtig, da der Vollernter nicht zwischen guten und schlechten Trauben unterscheidet. Die triage findet entweder direkt am Weinberg statt (im Fall der Handlese) oder im chai (Weinkeller). Unreife, verschimmelte und vertrocknete Trauben, Schnecken und Steine sowie letzte nach dem Abbeeren verbleibende Stiele werden aussortiert bevor die Weinmaische in den Kessel kommt. Das ist Fliessbandarbeit und verlangt exzellente Hand-Augen-Koordination. Da dies aber ein enorm wichtiger Arbeitsschritt ist, stellen die Weingüter dafür selten fremde Kräfte ein.

Einen Job in der Weinlese finden

Manche Weinbauern spannen für die Ernte alles Stammpersonal plus Familie und Freunde ein und haben daher, selbst wenn sie per hand lesen, keinen Bedarf an zusätzlichen Helfern. Da es in Frankreich jedoch etwa 85.000 Weinbauern gibt, gibt es auch noch immer zahlreiche offene Stellen für Saisonkräfte.

Die beste Website für Saisonjobs in Frankreich ist pole-emploi.fr,  die offizielle Website des französischen Arbeitsamtes. Dort kannst du nach department, Erfahrungen, Gebiet etc. filtern und suchen.

Die Weinlese findet je nach Region, Wetter, Traubenart und Weinsorte zwischen September und Dezember statt. Ich habe meine Jobsuche Anfang September begonnen und nicht einmal vier Wochen später die Arbeit angetreten. Anderthalb Wochen vor dem Termin kam die Bestätigung, dass ich den Job in der vendange hatte.

Eine weitere exzellente Quelle für Stellen in der Landwirtschaft ist anefa-emploi.org. Die Website wird von der Association Nationale pour l’Emploi et la Formation en Agriculture betrieben.

Wenn du lieber nur für Biobauern arbeiten möchtest, ist der Aufwand etwas grösser. Eine Liste aller Bioweinbauern findest du bei Agence Bio (und die komplette Liste aller Akteure in der französischen Biolandwirtschaft unter annuaire.agencebio.org) oder auf den Websites der lokalen Erzeugergruppen. Unter den angegebenen Kontaktdaten erkundigst du dich am besten persönlich nach Jobs.

Geld zu verdienen ist dir gar nicht so wichtig? Dann sind WWOOFing, WorkAway.info oder HelpEx wie für dich gemacht. Gegen ein paar Stunden Arbeit pro Tag stellen deine Gastgeber dir Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung. Ich bin bei der Recherche auf den Seiten auf zahlreiche Weingüter gestossen.

Schlussendlich kannst du es auch zur Erntezeit direkt bei den Weingütern versuchen. Suche dir eine Region aus und frage ein bisschen umher. In unserer Equipe waren Plätze frei, weil Kandidaten kurzfristig abgesagt oder sich krank gemeldet hatten.

Ausrüstung und was du sonst noch benötigst

Sobald du die Zusage erhältst, musst du deine Sozialversicherungsnummer und eine Kopie von Pass oder Personalausweis einsenden. Gerade die grösseren Güter können es sich nicht leisten, dich schwarz zu beschäftigen. Das bedeutet, dass du auch ein Bankkonto (in Europa) benötigst, über welches du bezahlt wirst. Und natürlich sind die 9,53 € pro Stunde der Bruttolohn, Steuer und Sozialversicherung (in Frankreich) gehen davon ab.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass dich der Regen irgendwann während einer längeren Lese einholt. Zudem legt morgens wahrscheinlich Tau auf den Reben und dem Gras darum. In anderen Worten: Du wirst nass werden. Bringe also regenfeste Kleidung (Gummistiefel) mit. Trage Lagen, da es zum Nachmittag hin wärmer wird. Und vergiss nicht die Sonnencreme.

(Garten-)Handschuhe sind zwar manchmal beim Säubern der Trauben im Weg. Und im Regen und Morgentau werden sie klitschnass. Jedoch, gerade bei roten Trauben wirst du dankbar sein, dass deine Finger nicht tagelang verfärbt sind. Zudem geben die Handschuhe ein wenig Extraschutz gegen Schnitte in den Finger.

Um deine Knie zu schützen, bediene dich in der Handwerkerabteilung und bringe ein paar Knieschoner mit.

Solltest du dich entscheiden, zu campen, denke daran, dass die Nächte auch in Frankreich im September kalt sein können. Und im Ernstfall wirst du den Grossteil deiner arbeitsfreien Zeit im Zelt (oder Wohnwagen) verbringen müssen.

Unterkunft und Verpflegung

Zunächst die schlechten Nachrichten: Weingüter in Frankreich stellen nur selten Unterkunft und Verpflegung (nourriture & logis) für Saisonarbeiter. Kleinere Güter haben vielleicht einen Platz an der Frühstücks- und Mittagstafel für dich, brauchen aber wahrscheinlich gar keine externen Erntehelfer (siehe oben “Der Job”).

Meiner Einschätzung nach haben zahlreiche Faktoren dazu geführt, dass die Weinbauern in Frankreich ihren Saisonkräften kaum Lohnzusatzleistungen anbieten: Der Mindestlohn in Frankreich beträgt 9,53 € pro Stunde und ist damit einer der weltweit höchsten. Ausserdem leben die meisten Saisonarbeiter in einem 25 km-Radius um ihren Arbeitsplatz oder sind so genannte “Reisende”, Familien oder Gruppen von Arbeitern, die mit ihren Wohnwagen von Job zu Job reisen und daher keine Unterkunft benötigen; ein Feld mit fliessend Wasser reicht ihnen völlig. Manche Winzer suchen ausdrücklich nach eingespielten equipes, Team aus reisenden Arbeitern. Schliesslich ernten mehr und mehr Weingüter, die für den Massenmarkt produzieren, mit dem Vollernter anstatt mit der Hand. Daher ist der Bedarf an Erntehelfern insgesamt zurückgegangen.

Wenn du keinen Wohnwagen hast und nicht im Zelt übernachten möchtest, sind gîtes eine gute Alternative. Die Weinberge befinden  sich gewöhnlich in Regionen, die im Sommer zahlreiche Touristen anziehen. Ab Ende September bleiben die meisten Ferienhäuser jedoch leer. Noch preiswerter wird es, wenn du dich mit Kollegen zusammentust. Trotzdem musst du damit rechnen, mindestens 50 € pro Woche zu zahlen.

Mit dem Auto hast du noch die Möglichkeit, einen Campingplatz in der weiteren Umgebung zu finden, der Wohnwagen oder Hütten vermietet. Viele von diesen sind zwischen Oktober und April geschlossen. Aber vielleicht hast du Glück.

Couchsurfing ist ebenfalls eine Möglichkeit, die Kosten für die Unterkunft in Grenzen zu halten. Und wenn gar nichts geht, frage deine einheimischen Kollegen, ob sie ein Zimmer für dich haben.

Ohne Auto könnte Verpflegung zum Problem werden. Eine Bäckerei (boulangerie) oder sogar einen kleinen Supermarkt (epicerie) findet sich vielleicht noch im nächsten Dorf. Das ist für den Anfang nicht schlecht. Jedoch, im Umkreis von 25 km findest du wahrscheinlich einen grossen Supermarkt. Auswärts essen ist teuer für einen Saisonarbeiter (10€ und mehr für ein Menü). Wenn es überhaupt ein Restaurant gibt.

Die meisten Weingüter stellen den Angestellten ausreichend Trinkwasser zur Verfügung (aus dem eigenen Brunnen).

Der Arbeitstag beginnt zwischen 7:30 und 8:30. Gegen elf gibt es einen Kaffeepause und die Mittagspause ist zwischen 12 und 14 Uhr. Aber natürlich sprechen wir noch immer von Saisonarbeit, in der nichts garantiert ist.

Das wichtigste ist und bleibt jedoch: Geniesse die Zeit in den Reben. Sing mit deinen Kollegen. Lerne die Menschen um dich herum und ihre Geschichten kennen. Nasche ein paar Trauben frisch von der Rebe. Koste grossartige Weine.