Drei Jahre

Es ist nicht die erste Geschichte, die ich dir erzähle, wenn wir uns kennenlernen. Es ist auch nicht die erste Geschichte, die ich dir erzähle, wenn ich über meine Afrikareise spreche. Es ist nicht einmal die erste Geschichte, die ich erzähle, wenn du mich fragst, ob ich als weisse Frau keine Angst hatte, den Kontinent allein zu bereisen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werde ich dir nie erzählen, was am frühen Nachmittag des 25. November 2011 in Timbuktu, Mali, geschehen ist. Einmal im Jahr jedoch möchte ich mich nicht nur für mich selbst an die Ereignisse erinnern – wie ich es die meisten anderen Tage des Jahres tue -, sondern dich bitten, dich mit mir an drei bemerkenswerte Männer zu erinnern.

In einem Speisesaal in der Innenstadt wartete ich auf das Mittagessen. Mir war langweilig. Ich blätterte durch ein paar Bildbände, die auf dem Couchtisch lagen. Ich unterhielt mich sporadisch mit den anderen Mitgliedern meiner Reisegruppe. Während Luftlinie nur ein paar hundert Meter entfernt, in einer auberge am Rande der Stadt, fünf Freunde um ihr Leben bangten. Sie hörten Schüsse. Sie wurden mit Gewehren bedroht. Sie wurden aus der Dusche gezerrt. Sie versteckten sich unter einem Tisch. Drei von ihnen wurden auf die Ladefläche eines Geländewagens gestossen. Martin weigerte sich, aufzusteigen.

Er starb. Ich döste auf dem Sofa ein.

Ich rede nicht oft über diesen Nachmittag, weil er nicht exemplarisch ist für das Afrika, welches ich auf meinen Reisen kennenlernen durfte. Noch wichtiger ist: Ich bin an diesem Nachmittag nicht zu Schaden gekommen. Ich biss gerade genüsslich in meinen Gurkensalat, als die Polizei kam, um uns zurück zur auberge zu bringen, damit wir unsere Sachen packen konnten.

Das Leben ist seit diesem Tag sehr gut zu mir gewesen. Ich bereiste den Kontinent weitere achteinhalb Monate. Ich traf andere Reisende, die mich zum lächeln, lachen, nachdenken brachten, die Freunde wurden. Ich kehrte in meine Heimatstadt zurück, richtete mich in einem WG-Zimmer mit atemberaubender Aussicht auf die Dächer Berlins ein. Ich fand einen herausfordernden neuen Job. Ich schloss neue Freundschaften. Ich kündigte meinen Job und machte mich wieder auf den Weg. Ich spazierte quer durch Europa und wurde von so vielen Menschen herzlich willkommen geheissen, dass ich zu meinem Unmut beginne, ihre Namen und Gesichter zu vergessen. An diesem 25. November 2014 streife ich weiterhin in Frankreich umher. Ich werde weiterhin mit Großzügigkeit und Gastfreundlichkeit aufgenommen.

Was ich von diesem Nachmittag zurückbehalten habe, ist ein anderer Blick auf das Leben.

In unglücklichen Momenten erhasche ich einen Blick auf Steves Lächeln, spüre Johans Haar und halte daran fest bis mir klar wird, dass der Grund für meinen Kummer oder Ärger früher oder später vorbei gezogen sein wird. Er dauert ein paar Minuten, Stunden oder gelegentlich auch Tage. Jedoch niemals drei Jahre. Warum mich also in unglücklichen Momenten baden?

In glücklichen Momenten erinnere ich mich daran, diese Momente zu schätzen. Wer weiss, was der nächste Moment bringen wird?

In meinem Kopf spiele ich verschiedene Szenarien durch, was ich tun kann, um diesen Männern ihre Freiheit zurückzugeben. Ich google mindestens einmal im Monat “mali timbuktu kidnappings”. Meistens ohne Neuigkeiten zu erfahren. Steves und Johans und Sjaaks Familien und ihre Regierungen haben beschlossen, Neuigkeiten weitestgehend aus den Medien zu halten. Ich war den Dreien nicht nah genug, um bei ihren Familien nach Neuigkeiten anzufragen. Gelegentlich finde ich ein neues Video online, das letzte erst vor einer Woche: Sjaak bittet darin die niederländische Regierung eindringlich, sich aus dem Irak herauszuhalten.

Stattdessen lese ich über Mali, den Maghreb und die Ausbreitung von islamischem Extremismus. Der Konflikt zwischen der Regierung im Süden von Mali und den Tuareg im Norden führte schliesslich 2012 zu zwei Staatsstreichen, im Laufe derer islamische Extremisten Kontrolle über fast den gesamten Norden erhielten. Sie führten eine Terrorherrschaft gegen Nicht-Muslime und Muslime gleichermassen und zwangen ihnen die Gesetze der Scharia auf. Steve, Johan und Sjaak wurden wahrscheinlich noch Monate nach ihrer Entführung in Timbuktu selbst festgehalten. Als die französische Armee eingriff, um die malische Armee zu unterstützen, war ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, dass sie ihre moderne Waffentechnologien einsetzen, um meine Freunde zu retten, und der Angst, dass ein Befreiungsversuch die drei das Leben kosten könnte. Und dann, jenseits der anderen Seite der Sahara, im Irak und in Syrien, begann der Aufstieg einer noch abscheulicheren Extremistengruppe. Mit Horror lese ich die Berichte über kaltblütige Entführungen, Enthauptungen, Vergewaltigungen im Namen ihres Gottes. Was passiert, wenn IS sich auch in Mali etabliert? Was wird dann mit Steve, Johan und Sjaak geschehen?

Ich weiss es nicht. Das macht mir Angst. Doch mich auf diese Angst zu versteifen wird meine Freunde nicht nach hause bringen.

Was ich tun kann ist, mich an sie als die neugierigen, aufgeschlossenen und freundlichen Menschen zu erinnern, mit denen ich das Glück hatte, reisen zu dürfen. Und ich kann erwarten, dass bald eine Lösung gefunden wird, damit Steve, Johan und Sjaak zu einem selbst bestimmten Leben zurückkehren können.