Vatergefühle

Ich lernte Ian und Judy kennen, als mein WorkAway-Gastgeber Bob und ich mit dem Hund spazieren gingen, und auf einen Kaffee bei den beiden vorbeischauten. Wir trafen uns alsbald wieder bei der Curry- und Quiznacht eines anderen Auswandererpaares im Dorf. Ihr ältester Sohn, Andy, und ich bildeten ein Ratepaar und gewannen prompt. Wir trafen noch einige Male aufeinander.

Schließlich reisten meine Gastgeber Bob und Kathy nach Großbritannin, was meinen Aufenthalt bei ihnen beendete. Ian und Judy luden mich ein, zum WorkAway bei ihnen zu kommen und auch Weihnachten mit ihnen und den meisten ihrer sechs Kinder zu verbringen.

Vor dem Ruhestand waren beide Lehrer. Sie sind seit 34 Jahren verheiratet und haben fünf Jungs und ein Mädchen. Unsere Unterhaltungen waren lustig, entspannt. Tatsächlich dachte ich zunächst, die beiden seien Hippies.

Und doch zögerte ich, in ihr Familienfest einzudringen. Andererseits bin ich mit zwei Schwestern aufgewachsen. Wunderbare Schwestern. Der Gedanke, herauszufinden, wie es sein könnte, eine Handvoll Brüder zu haben, faszinierte mich. Als ich dann auch noch erfuhr, dass Ian und Judy  immer auch Freunde zu Feier einluden, gab es kein Halten mehr.

Ende November zog ich nach Les Moulines, ihrem alten freanzösischen Bauernhaus, um.

An meinem ersten Tag zeigte Judy auf einen Stapel Laken und Kissen in der Wäschekammer. “Die müssen alle gebügelt werden. Fang einfach an. Wenn du dich langweilst, hör einfach auf,” lächelte sie. Das war eine von vielleicht einem halben Dutzend Gelegenheiten, an denen ich mit Judy zusammenarbeitete. “Mädchensachen.” Mich interessierten all die kleinen und großen Arbeiten mehr, die nötig sind, um das Haus bewohnbar zu halten: Holz hacken, morgens Feuer machen, Fallen gegen Ratten und Mäuse aufstellen und leeren, Bäume beschneiden, Malern, Zimmer renovieren,… Immer gibt es etwas zu tun.

Neugierig beobachtete ich Ian und den zweitjüngsten, Joe, dabei, wie sie den Boden im Esszimmer erneuerten. Erst als der Boden gemalert werden musste, durfte ich mithelfen.

Anfang Dezember fuhr Judy nach England. Ian und ich waren auf uns allein gestellt. Joe lebte in der Nähe und kam zum Essen vorbei. Nach dem Abendessen begann Ian die Unterhaltung mit einen “Ich möchte verstehen, wie du hierher gekommen bist.” Und es wirkte wie echtes Interesse. Er erzählte seine eigenen Geschichte und gab mir Ratschläge, die genau das waren – eine Meinung, ein Vorschlag, keine Verurteilung. Auf Dinnerparties stellte er mich als seine neue Tochter vor.

Eine Woche später folgte Ian Judy nach England. Joe brauchte keine Stunde, bevor er einen Streit mit mir angefangen hatte. Unsere Beziehung erholte sich nie ganz davon.

Meine Gastgeber kamen zwei Wochen vor Weihnachten zurück und wir begannen, die Feiertage vorzubereiten.

Eins nach dem anderen kamen auch die Kinder mit ihren Familien an. Suzy, die einzige Tochter, saß am liebsten mit den Eltern zusammen. Sie ist eine tolle Frau, intelligent, witzig, wie ihre Eltern. Ihre Brüder verbrachten einige Zeit beim Golfen und die Abende beim Beerpong. Ein eingeschworener Haufen. Umso größer war meine Freude, als sie mich eines Abends fragten, ob ich mitspielen wollte. Und erst, als nicht nur Ian und Judy, sondern auch ein paar der Kinder Geschenke für mich hatten. Ed, der nachdenkliche und witzige Bruder, hatte der ganzen Familie nicht ganz jugendfreie Weihnachtspullover besorgt. Mir auch.

Doch ich kam nie dazu, mich wirklich mit den Jungs zu unterhalten. Sie schienen immer zu sehr damit beschäftigt, sich in Testosteron schwangeren Wettbewerben zu ergehen. Das war für mich nicht nachvollziehbar. Meine Schwestern und ich stritten als Kinder auch, aber wir hatten kein Problem damit, wenn die andere gewann oder es gar keine Gewinnerin gab.

Nichtsdestotrotz fühlte ich mich im Haus seltsam wohl. Eigentlich hatte ich geplant, im Januar weiter nach Süden zu ziehen. Aber ich setzte die Anforderungen an neue WorkAway-Gastgeber immer höher, bis ich schließlich entschied, bis Anfang März in Les Moulines zu bleiben, wenn ich eh nach Berlin zurückkehren wollte.

Ian konnte ein Extrapaar Hände sicher immer gebrauchen. Joe waren wieder in England. Und ständig tauchten neue Jobs auf. Außerdem hatte ich dank meiner Gastgeber in der Gegend kleine bezahlte Arbeiten annehmen können, um meine Reisekasse aufzubessern.

Es sollte nicht sein. Ian und Judy fragten immer direkter, ob ich nicht weiterziehen wollte. Sie überzeugten Freunde ein paar Kilometer entfernt, dass sie einen WorkAwayer wie mich brauchen könnten.

Ich bin mir absolut sicher, dass dies mit besten Absichten geschah. Weil ich gesagt hatte, dass ich eine Reisende bin. Weil die Freunde ein paar Kilometer entfernt ehemalige Uniprofessoren sind, die perfektes Französisch sprechen.

Doch mir tat das weh. Die Situation hatte sich von “Das ist unsere neue Tochter” und “Bleib solange, wie du magst” zu “Was, du bist immer noch hier?” gewandelt. Das tat weh.

Und dann wurde mir klar: Ich bin mehr als zufrieden mit meinen beiden Schwestern. Schwestern sind großartig! Aber die Zeit, die ich mit Ian verbracht hatte, hatte mir gezeigt, wie es sein könnte, einen Vater zu haben. Ihr wißt schon, die Art Vater, die sich darauf freut, zu sehen, wie seine Kinder zu eigenen Persönlichkeiten erwachsen, der ihnen zeigt, wie man einen Gartentraktor fährt und wie man die Linie zwischen Wand und Decke fast perfekt zieht. Der Typ, der nicht wirklich versteht, was “die jungen Leute heutzutage” treiben, der sich dennoch dafür interessiert.

Ich genoß es, morgens aufzustehen, gemeinsam das Haus für den Tag vorzubereiten und dann die Aufgaben anzugehen, die es an die Spitze von Ians Prioritätenliste für den Tag geschafft hatten. Ich genoß es, zu lernen, wie man einen Gartentraktor fährt, wie man die Linie zwischen Wand und Decke fast perfekt zieht.

Ich genoß, wenn Ian fragte, woher ich komme und was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Er fragte, wie ich plante, meinen Reiselifestyle zu finanzieren, was mit Ehe und Kindern sei. Und es erschien mir, als sei er ehrlich interessiert an meinen Antworten. Jeder Ratschlag diente dazu, mir zu helfen, Antworten zu finden. Ohne dass da ein “Ich wußte es! Hab ich dir doch gleich gesagt!” im Hintergrund lauerte.

Ich bewunderte diesen Mann. ich bewundere ihn noch.

Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, wer ich geworden wäre, mit einem Vater wie diesem in meinem Leben.