Was hast Du heute vor einem Jahr gemacht? – Wie Walking Home mich verändert hat

Genau vor einem Jahr, an einem sonnigen Sonntagmorgen machte ich mich auf den Weg in ein großes Abenteuer. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, von meiner Heimatstadt Berlin aus nach Biarritz an der französischen Atlantikküste zu wandern. Und ich wollte unterwegs Fremde um eine Unterkunft für die Nacht bitten. 4.800 Kilometer später erreichte ich mein Ziel, am sonnigen Sonntagnachmittag des 7. September. Der erste Jahrestag meiner Abreise scheint mir der passende Moment, noch einmal über die wichtigsten Lebenslektionen nachzudenken, die ich durch 162 Tage unterwegs gelernt habe.

Du kannst mehr…

Natürlich hatte ich große Pläne in meinem Kopf. Natürlich wäre ich niemals zu meiner Reise aufgebrochen, hätte ich nicht geplant, die geschätzt 3.000 Kilometer auch zu vollenden.

Doch ein Plan ist immer nur eine Hälfte der Geschichte.

Nach drei Tagen wurde ich von riesigen Blasen an beiden Füßen geplagt. Und noch einmal in meiner dritten Woche, als die ersten Blasen gerade zu heilen begannen.

Doch ich gab nicht auf. Ich nahm ein paar Tage frei. Ich organisierte mein Gepäck um. Ich fand heraus, dass meine Füße vor Blasen geschützt waren, wenn ich sie nur jeden Morgen eincremte.

Dann kam der Sommer in Frankreich, wohl der schlechteste in Jahrzehnten. Kaum ein Tag verging ohne Regenschauer.

Doch ich ließ mich davon nicht unterkriegen. Ich kaufte einen Regenponcho. Ich lernte, wie ich meine Schuhe am effektivsten trocknen konnte. Ich schloß gerade wegen des Regens zahlreiche Freundschaften. Tatsächlich wäre eine meiner Lieblingsbegegnungen wohl ohne einen der scheußlichsten Morgen in einer der scheußlichsten Wochen, der einer scheußlichen Nacht folgte, nie zustande gekommen. ‘Got to have a little rain sometimes…’

Schließlich hatte ich die Länge meiner Reise massiv unterschätzt. Obwohl ich sechs Monate eingeplant hatte, dachte ich nicht, dass ich fast jeden Tag laufen würde. Inzwischen schätze ich, dass ich statt 3.000 insgesamt 4.800 Kilometer zurückgelegt habe.

Und damit begannen die Dinge, auseinander zu fallen. In den letzten Wochen war ich so ausgelaugt, wie noch sie zuvor in meinem Leben. Alles was ich wollte, war aufzugeben.

Doch stattdessen zwang ich mich zu einem weiteren Schritt. Und einem weiteren. Und einem weiteren… Bis ich mit einer Waffel Eis am Strand von Biarritz saß.

… aber manchmal brauchst Du einfach Hilfe …

Es wäre albern, auch nur anzudeuten, ich hätte meinen Spaziergang in einer Blase, ohne Hilfe von außen absolviert. Habe ich nicht. Ich hatte zuhause wunderbare Freunde und Familie, die immer ein Wort der Ermunterung für mich hatten oder zwei. Ich hatte Hilfe unterwegs von Menschen, die mir mit Betten, Essen, Kaffee, Kekse, Lachen… aushalfen.

Doch ich hatte so grandiose Pläne davon, wie ich von meiner Reise berichten würde. Ich hatte mir Interviewfragen für meine Gastgeber ausgedacht, hatte meine Follower, Fans und Leser um Beiträge gebeten, hatte eine Betterplacekampagne eingerichtet. Schließlich hatte ich andere Reisende das Gleiche tun sehen. Ich könnte das mindestens so gut.

Ich brauchte keine Woche, um zu erkennen, dass Reisende, denen es gelingt, während ihrer Reise eine erfolgreiche Social Media-Kampagne zu fahren, dies mit der Hilfe eines Teams tun. Das Team wartet z.B. am Ende eines Tages beim Nachtlager auf sie, nimmt über das Telefon Stichpunkte für den nächsten Blogbeitrag entgegen oder kontaktiert Medien und Sponsoren. Solch ein Team hatte ich nicht.

Also entschied ich, die großen Pläne Pläne bleiben zu lassen und stattdessen meine Reise zu genießen.

…was sich gut trifft: Denn im Großen und Ganzen sind Menschen wunderbar

Wie am Anfang dieses Beitrages erwähnt, plante ich von vornherein, Fremde um Obdach für die Nacht zu bitten. Und die Hälfte der Zeit funktionierte das sogar. Mehr noch war ich nicht darauf vorbereitet, wie weit die Menschen gingen, um mich zu beherbergen:

Als Franziska in Mannweiler mir hinterher fuhr, nachdem ihre Nachbarin mich abgewiesen hatte.
Als Jean-Michel von La Grille mich einlud, in seinem Elternhaus mit seiner Familie zu übernachten, obwohl sein Vater am Nachmittag ins Krankenhaus eingeliefert worden war.
Als Sophie von der Île d’Oleron mir ein Bett anbot, obgleich wir uns gerade auf einer Fähre befanden und ich wie ein Rohrspatz über eine schreckliche Nacht auf dem Campingplatz schimpfte.

Und dann die Menschen, die mir während des Tages halfen:

Die Kassiererin an der Tankstelle, die mir an einem kalten Apriltag ihre Handschuhe schenkte.
Das Paar, dass seinen Kühlschrank leerte, um mich nicht ohne Lunchpaket wegzuschicken.
Die Frau, die in einem schweren Unwetter aus ihrem Pool in ihr Auto stieg, um mir hinterherzufahren und mich am nächsten Bahnhof abzuliefern.

Ich könnte noch zahlreiche weitere Beispiele nennen. Daher ist die wichtigste Lektion, die ich aus fünf Monaten auf der Straße gelernt habe, diese:

Ich werde nie wieder eine Pessimistin sein können.


Bonus: Walking Home in Bild und Ton. Erlebe in nur wenig mehr als achteinhalb Minuten 162 Tage und 4.800 Kilometer, in denen ich das Wort ¨home¨ durch Europa gelaufen bin. Gern geschehen!