Wie man zum Optimisten wird

Wie man zum Optimisten wird

Da heute mein Geburtstag ist, wollte ich eigentlich im heutigen Beitrag über Alter & Reisen philosophieren. Doch dann geschahen zwei Dinge, die es für mich interessanter machen, die Idee der ewigen Optimistin noch einmal genauer anzusehen.

Zuerst passierte folgendes: Zwei der Versicherungsunternehmen, bei denen ich alte Renternversicherungsverträge zu liegen habe, die ich schon länger nicht bediene, weigerten sich, die Verträge aufzulösen und mir die Rückkaufsumme auszuzahlen. Diese Gelder sind wohl für die Zeit gedacht, wenn ich in Rente bin. Und ausschließlich für diese Zeit. Nun, heute ist mein 36ter Geburtstag. Bis zur Rente habe ich noch viel Zeit.

Bevor ich mich auf den Weg zu ¨Walking Home¨ gemacht habe, schrieb ich, dass ich nicht vorhabe, zurückzugehen. Ich möchte keine feste Wohnung, keinen festen Job, kein festes Leben. Ich möchte als Nomadin leben. Doch auch Nomadinnen müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wenn ich WorkAway mache, benötige ich kein Geld für Unterkunft und Verpflegung. Doch ich gebe im Monat etwa 300 Euro für meine Krankenversicherung, einen kleinen privaten Rentenversicherungsvertrag und das Hosting meiner Website.

Aus dem einen oder anderen Grund habe ich in den vergangenen 12 Monaten beinahe nie eine Pause eingelegt, um etwas Geld zu verdienen. Wenn ich also die Versicherungen nicht ausgezahlt bekomme, bin ich so gut wie pleite. Ich kann derzeit noch auf etwa 600 Euro zugreifen, von denen ich 450 dem wunderbaren Menschen schulde, der mich in Uganda mit zu den Gorillas genommen hat. Wenn alles nach plan läuft, erhalte ich irgendwann in den kommenden Monaten ca. 750 Euro Steuerrückzahlung. Meine website, obgleich sie inzwischen überhaupt Geld abwirft, generiert nicht annähernd genug Einkommen, um mich über Wasser zu halten.

In meinem Kopf sitzt eine leise, aber hörbare Stimme, die vorschlägt, dass ich mich (für den Moment) geschlagen gebe und zurück nach Berlin gehe. Oder nach Deutschland, weil dort leichter an Arbeit zu kommen ist. Besser jedoch nach Berlin, weil ich dort womöglich bei meiner Schwester auf der Couch übernachten kann.

Dann passierte die andere Sache: Sjaak ist frei. Nach drei Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen wurde er in Mali aus der Geiselhaft befreit, von einem französischen Kommando, das nicht einmal wusste, dass er an dem Ort gefangengehalten wurde. Und doch geht es ihm gut, er ist mit seiner Frau wiedervereint und, während ich diese Zeilen schreibe, wahrscheinlich schon auf dem Weg heim in die Niederlande.

Als ich von dieser freudigen Entwicklung hörte, ging mir eine Gedankenkette durch den Kopf.

¨Es ist fantastisch, dass Sjaak frei ist.¨

¨Wird sein Leben sich je von den vergangenen drei Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen erholen?¨

¨Hoffentlich sind auch Steve und Johan bald frei.¨

Und dann ein sehr lauter Gedanke: ¨Was, wenn die Befreiung von Sjaak bedeutet, dass die anderen beiden verloren sind?¨

Tu mir den Gefallen und stelle Dir mit Blick auf die beiden Ereignisse folgende Frage:

Was geschieht, wenn der schlimmstmögliche Fall eintritt?

OK, nun fühlst Du Dich wahrscheinlich nicht so gut. Daher eine weitere Frage:

Wie viel wahrscheinlicher wird ein jedes unerwünschtes Ereignis, wenn ich mich entscheide, an den bestmöglichen Fall zu glauben?

Besser, oder? Siehst Du, obgleich positives Denken an sich nicht automatisch positive Folgen hat, hat negatives Denken mindestens eine negative Folge. Denn während Du auf das Ereignis wartest, dass Du aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht beeinflussen kannst, fühlst Du Dich schlecht. Und nur wirklich unangenehme Zeitgenossen wünschen sich, dass sie irgendjemand schlecht fühlt. Warum solltest Du das also für Dich selbst wollen?

Deshalb entscheide ich mich, Optimistin zu sein. Jedes Mal von neuem.

Bonus:

Im letzten Sommer gab mein Telefon plötzlich den Geist auf. Es ließ sich einfach nicht mehr laden. Trotzdem behielt ich es und trug es bis in den Tarn in Südfrankreich mit mir herum. An einem entspannten Sonntagnachmittag nach Weihnachten entschied ich mich aus einer Laune heraus, das Telefon mit einer Steckdose zu verbinden. Es funktioniert seit diesem Moment einbahnfrei (für ein vier Jahre altes Smartphone).

  • Was geschieht, wenn der schlimmstmögliche Fall eintritt?
  • Wie viel wahrscheinlicher wird ein jedes unerwünschtes Ereignis, wenn ich mich entscheide, an den bestmöglichen Fall zu glauben?

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