Dass Kanada ein „assoziiertes Mitglied“ der Europäischen Union werden könnte, schien bis zu dem Moment, als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Möglichkeit in Straßburg öffentlich zur Sprache brachte, nahezu undenkbar. Könnte die geplante neue Beziehung zwischen Kanada und der Europäischen Union den transatlantischen Reiseverkehr neu gestalten? Angesichts der Dringlichkeit, die durch den „Trump-Faktor“ entsteht, und des Zusammentreffens führender Vertreter der Tourismusbranche beim WTTC-Gipfel auf Malta könnten die Auswirkungen weit reichen – von Visa- und Luftfahrtfragen bis hin zu erleichterter Mobilität, Investitionen im Tourismussektor und der weltweiten Wahrnehmung Kanadas.
Während Trump Europa wegen der Zusammenarbeit mit Kanada droht, könnte ein geopolitischer Streit eine unerwartete Folge haben: Kanadiern und Europäern würde es leichter gemacht, über den Atlantik hinweg zu reisen, zu studieren, zu arbeiten und Geschäfte zu tätigen.
Nun hat US-Präsident Donald Trump dafür gesorgt, dass dieser Vorschlag nicht einfach als weitere obskure europäische diplomatische Initiative abgetan werden kann.
Trump bezeichnete die Idee als „lächerlich“ und warnte: Sollte er eine engere Assoziierung zwischen der EU und Kanada als feindseligen Akt betrachten, könnte Washington „sehr drastische“ Zölle verhängen oder den Handel mit Europa einschränken. Die Europäische Kommission reagierte mit der Erklärung, ihre Initiative richte sich gegen niemanden.
Unterdessen trat der kanadische Premierminister Mark Carney am 17. September vor das Europäische Parlament und bekannte sich zu diesem ehrgeizigen Vorhaben. „Europa und Kanada sind jeweils stark. Zusammen sind Europa und Kanada noch stärker“, sagte er, wobei er betonte, dass Kanada nicht versuche, einen weiteren geopolitischen Block zu bilden.
Trump ist der Elefant im Abflugbereich. Es wäre unrealistisch, über Kanadas drastische Hinwendung zu Europa zu sprechen, ohne Donald Trump zu erwähnen. Etwa 70 % der kanadischen Exporte gehen nach wie vor in die Vereinigten Staaten. Trumps Zölle, der wirtschaftliche Druck und seine wiederholten Äußerungen, Kanada könne der 51. US-Bundesstaat werden, haben Ottawa dazu bewegt, auf Diversifizierung zu setzen. Infolgedessen ist Europa deutlich attraktiver geworden, da Kanada nach größerer wirtschaftlicher und strategischer Unabhängigkeit strebt.
Die Ironie dabei ist unübersehbar. Eine „America First“-Politik, die darauf ausgelegt ist, den Einfluss der USA zu stärken, trägt womöglich dazu bei, die Beziehungen zwischen Kanada und Europa zu vertiefen – eine Entwicklung, die den Atlantik für Reisende, Studierende, Arbeitskräfte und Unternehmen letztlich „kleiner“ erscheinen lassen könnte. Für den Reise- und Tourismussektor könnte dies weitaus bedeutender sein als die diplomatische Bezeichnung, die den Beziehungen am Ende verliehen wird.
Vertiefte Integration. Eine „assoziierte Mitgliedschaft“ existiert derzeit nicht als formale Kategorie in den EU-Verträgen. Kanada wird nicht zum 28. EU-Mitglied, tritt nicht morgen dem Schengen-Raum bei und erhält auch nicht automatisch dieselbe Freizügigkeit, die EU-Bürger genießen. Was von der Leyen vorgeschlagen hat, ist etwas Neues; die entsprechenden Regeln müssen erst noch ausgehandelt und akzeptiert werden.
Carney selbst hatte Kanadas Ziel zuvor als eine einzigartige Wirtschafts- und Sicherheitsallianz beschrieben – und nicht als eine herkömmliche EU-Mitgliedschaft. Es wird erwartet, dass die offiziellen Gespräche auf dem Gipfeltreffen zwischen Kanada und der EU Ende Oktober in Montreal vertieft werden. Für den Tourismus ist die Bezeichnung jedoch womöglich weniger wichtig als ein einziges Wort: Mobilität.
Kanadische Touristen profitieren bereits von einem relativ unkomplizierten, kurzzeitigen Zugang zu weiten Teilen Europas. Die entscheidende Chance läge darin, diese Leichtigkeit über den reinen Urlaub hinaus auszuweiten. Kanada strebt Regelungen an, die es Kanadiern ermöglichen, leichter in Europa zu leben und zu arbeiten, während beide Seiten zugleich eine vertiefte Integration in den Bereichen Bildung und Wirtschaft ausloten.
Tourismus wird befeuert. Sollte das angestrebte Abkommen es Kanadiern und Europäern erheblich erleichtern, auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks zu studieren, zu arbeiten und sich dort länger aufzuhalten, wird der Tourismus zwangsläufig folgen.
• Ein kanadischer Student, der ein Semester in Spanien verbringt, zieht Besuche von Eltern und Freunden nach sich.
• Eine deutsche Fachkraft, die vorübergehend in Toronto tätig ist, erkundet Ontario, Québec und womöglich auch den Westen Kanadas.
• Ein Kanadier, der in Paris arbeitet, verbringt seine Wochenenden in Portugal, Kroatien, Griechenland oder auf Malta.
Aus dem heutigen Austauschschüler werden der Geschäftsreisende, der Konferenzteilnehmer, das Hochzeitspaar auf Hochzeitsreise und der Wiederholungstäter von morgen. Mobilität schafft Tourismus.
Mehr Kapazitäten im Luftverkehr. Kanada und Europa verfügen bereits über starke Verbindungen im Luftverkehr. Eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit und eine bessere Mobilität würden den Fluggesellschaften einen klaren Anreiz bieten, zusätzliche Kapazitäten in Erwägung zu ziehen. Toronto, Montreal und Vancouver würden zweifellos profitieren, doch noch interessantere Möglichkeiten könnten sich für Halifax, Calgary, Ottawa, Quebec City sowie weitere europäische Drehkreuze ergeben.
Auch der Tourismus könnte sich geografisch breiter verteilen. Europäer, die längere Zeit in Kanada verbringen, wagen sich eher über die traditionellen kanadischen Eingangstore hinaus. Ebenso werden Kanadier, die in Europa leben oder studieren, zu Kunden für europäische Ziele abseits der großen Zentren – Orte, die in ihrer ursprünglichen Reiseplanung vielleicht nie aufgetaucht wären. Genau hier gewinnt der wirtschaftliche Multiplikatoreffekt an Bedeutung. Es geht nicht bloß um mehr Passagiere auf der Strecke zwischen Toronto und Paris. Vielmehr bewegen sich mehr Menschen innerhalb eines gesamten transatlantischen Tourismus-Ökosystems.
WTTC Global Summit auf Malta. Dieses geopolitische Drama erhält bald eine spannende Bühne im Tourismusbereich: Vom 7. bis 9. Oktober veranstaltet der World Travel & Tourism Council (WTTC) seinen 26. Global Summit in Valletta, Malta. Der ehemalige kanadische Premierminister Justin Trudeau wurde als Hauptredner angekündigt. Er wird dort auf mehr als 1.000 Delegierte aus über 100 Ländern treffen, darunter mehr als 200 führende CEOs, Spitzenmanager und Regierungsvertreter aus der Reise- und Tourismusbranche.
Ebenfalls nach Malta reist einer der ungewöhnlichsten Vertreter der Trump-Regierung: Botschafter Nick Adams, Amerikas erster Sondergesandter des Präsidenten für Tourismus. Adams ist ein Verbündeter Trumps und eine Persönlichkeit, die vor allem dafür bekannt ist, sich selbst als „Alpha-Männchen“ zu bezeichnen. Der WTTC präsentiert ihn in seiner offiziellen Funktion für den Tourismus; seine Botschaft rückt Investitionen, öffentlich-private Partnerschaften sowie den Abbau von Hindernissen für das Tourismuswachstum in den Mittelpunkt. Er hat den Tourismus als „Diplomatie mit dem Koffer“ bezeichnet.
Trudeau, der jahrelang ein oft schwieriges Verhältnis zu Trump managen musste, und Trumps Tourismus-Gesandter werden am selben globalen Tourismusgipfel teilnehmen – nur wenige Wochen, nachdem der US-Präsident Europa wegen der geplanten neuen Beziehungen Kanadas zur EU gedroht hatte. Begleitet werden sie von Führungskräften einiger der weltweit größten Unternehmen aus den Bereichen Hotellerie, Luftfahrt, Kreuzfahrt, Technologie, Destinationen und Reisebranche. Ob es tatsächlich zu einem privaten Treffen zwischen Trudeau und Adams kommt, bleibt abzuwarten. Ein bilaterales Gespräch wurde bislang nicht öffentlich angekündigt. Doch ihre Anwesenheit im selben Raum symbolisiert etwas Größeres: Reisen und Tourismus befinden sich zunehmend direkt an der Schnittstelle zur Geopolitik.
Tourismus kann sich der Politik nicht entziehen – aber er kann Brücken schlagen- Regierungen können über Nacht Zölle verhängen. Sie können Visabeschränkungen, Grenzvorschriften und luftverkehrspolitische Maßnahmen einführen. Der Tourismus hingegen folgt einem anderen Prinzip. Er funktioniert am besten, wenn Barrieren fallen. Deshalb sollte die Reisebranche genau verfolgen, wie Kanada und Europa diese neue Beziehung gestalten.
Verantwortliche im Tourismus sollten prüfen, ob sich dadurch langfristig eine einfachere Mobilität, ein ausgebauter Studentenaustausch, effizientere Grenzverfahren, eine bessere Anbindung im Luftverkehr, einfachere Geschäftsreisen sowie praktische Regelungen schaffen lassen, die es Menschen ermöglichen, mehr Zeit auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks zu verbringen.
Das Ziel sollte nicht politische Symbolik sein, sondern ein messbarer Abbau von Hürden. Kanadas Image als Reiseziel könnte sich wandeln Es bietet sich zudem eine enorme Chance für die Markenbildung. Geografisch gehört Kanada zu Nordamerika, pflegt jedoch bereits enge kulturelle, historische und politische Beziehungen zu Europa. Eine formelle Sonderbeziehung könnte Kanada im Bewusstsein europäischer Reisender neu positionieren: nicht bloß als weiteres nordamerikanisches Fernreiseziel, sondern als zunehmend integrierter transatlantischer Partner. Für Europa könnte sich ein ähnlicher Effekt ergeben. Für Kanadier könnte Europa allmählich seinen Charakter als reines Ziel für den jährlichen Überseeurlaub verlieren und stattdessen zu einem leicht zugänglichen Raum für Bildung, Arbeit, geschäftliche Aktivitäten und regelmäßige Reisen werden.
Das Trump-Paradoxon. Damit sind wir wieder bei Donald Trump. Der US-Präsident betrachtet die vorgeschlagene Beziehung zwischen der EU und Kanada keineswegs als harmlose Tourismusinitiative. Seine Zollandrohung zeigt, dass Washington darin potenziell weitaus größere strategische Konsequenzen sieht.
Kanada und die Europäische Kommission betonen, dass es bei der Initiative um die Stärkung der eigenen Widerstandsfähigkeit geht und nicht um den Aufbau eines anti-amerikanischen Bündnisses. Carney wies die Vorstellung einer Schaffung konkurrierender Machtblöcke ausdrücklich zurück.
Die Reisebranche muss sich nicht zwischen diesen politischen Interpretationen entscheiden. Sollte dieser neue geopolitische Wettbewerb dazu führen, dass Europa und Kanada Barrieren abbauen, die Mobilität ausweiten und die Verbindungen in den Bereichen Luftverkehr, Bildung und Wirtschaft stärken, könnten gewöhnliche Reisende unerwartet davon profitieren.
Genau darin läge das große Paradoxon: Trumps Druck auf Kanada und Europa könnte letztlich dazu beitragen, Kanada näher an Europa heranzuführen. Und eine Annäherung Kanadas an Europa könnte Millionen von Reisenden einander näherbringen. Wenn Trudeau, Trumps Tourismusbeauftragter Nick Adams und mehr als 200 führende Vertreter der weltweiten Reise- und Tourismusbranche nächsten Monat auf Malta zusammenkommen, dürfte dies eines der wichtigsten Gesprächsthemen der Branche sein. Denn bei der Zukunft des Tourismus geht es nicht nur darum, wohin die Menschen reisen wollen. Es geht zunehmend auch darum, welche Regierungen ihnen die Anreise am einfachsten machen. Quelle: eTN / CM